Rassismus ist Rassismus ist Rassismus

Vor etwas mehr als einem Monat, am 19. Februar, ermordete der Attentäter von Hanau neun Menschen. Ihre Namen: Ferhat Ünvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kalojan Welkow, Fatih Saraçoğlu, Said Nessar El Hashemi, Vili Viorel Păun. Seit ungefähr zwei Wochen begegnet man ihren Gesichtern wieder besonders häufig immer wieder an Straßenecken, Hauswänden und Bauzäunen in Berlin und anderen Großstädten. Von Plakaten, die einen Monat nach der Tat aufgehängt wurden, blicken sie uns an und erinnern uns, uns an sie zu erinnern. Und was ihnen vor gerade mal sechs Wochen passiert ist. Ein rassistisches Attentat – mal wieder. Und wie Informationen über den Abschlussbericht des zuständigen Ausschusses des Bundeskriminalamts suggerieren, scheinen die zuständigen Behörden die Hintergründe des weißen Terrors nicht als solche anzuerkennen – mal wieder.

Wie WDRNDR und Süddeutsche Zeitung berichten, kommt das BKA in seinem Abschlussbericht (der jedoch noch nicht fertiggestellt ist) zu dem vorläufigen Fazit, dem Attentat liege kein rassistisches Hauptmotiv zugrunde. Tobias R. habe zwar eine rassistische Tat verübt, sei aber kein Anhänger einer rechtsextremistischen Ideologie gewesen, sondern vielmehr von Verschwörungstheorien geleitet worden. Die Opfer habe er nur ausgewählt, um möglichst viel Aufmerksamkeit auf die eigentliche Botschaft – seine angebliche Überwachung durch einen Geheimdienst – zu lenken.

Wie das BKA zu dieser Einschätzung gelangt, you may ask? Im Zuge ihrer Recherchen scannten die Mitarbeiter des BKA mehr als 100 Videodateien, die vom Computer und Handy des Attentäters stammten. Die ergaben laut BKA, dass der Täter keine „typische rechte Radikalisierung“ durchlaufen habe. Er habe weder Kontakt zu bekannten rechtsradikalen Netzwerken gehabt, noch sich mit anderen bekannten rechtsextremistischen Terroristen wie Anders Breivik beschäftigt. Außerdem habe er einen schwarzen Nachbarn gehabt, zu dem er immer freundlich gewesen sei und auch zu anderen Spielern mit Migrationshintergrund seines Fußballvereins sei er immer cool gewesen wie Nachbarn den Beamten wohl berichtet haben sollen. Der Teil seines Pamphlets, in dem er explizit von der Vernichtung bestimmter Völker fantasiert, die von Natur aus „destruktiv“ und anderen unterlegen seien – also ganz klar rassistisches und rechtsextremes Gedankengut – habe er nur in sein Schreiben aufgenommen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Eine frühere Version seines Pamphlets hatte nämlich keine Beachtung gefunden, nachdem Tobias R. diese bereits im November an den Generalbundesanwalt geschickt hatte mit der Bitte, den Geheimdienst einzuschalten.

Wir wissen nicht, wer das hören muss, aber: Krude Verschwörungstheorien und Rassismus (und Frauenhass by the way auch) lassen sich sehr gut miteinander vereinbaren. Auffällig gut sogar. Sie sind ein regelrechtes Match made in hell.

Ja, Tobias R. litt vermutlich unter Paranoia und war von Verschwörungstheorien verblendet. Aber er war auch ein Rassist. Er wählte seine Opfer gezielt nach deren Herkunft aus, er wählte gezielt Orte migrantischen Lebens für seine Tat. Das war kein zu vernachlässigender Nebenaspekt seiner Gedankenwelt. Das war auch er.

Erinnert man sich an die fatalen Fehler, die in der Aufarbeitung des NSU Komplexes begangen wurden, ruft man sich den Fall Oury Jallohs ins Gedächtnis, dessen Aufklärung durch die Behörden bis heute verhindert wird, bedenkt man, dass Deutschland nie entnazifiziert wurde – hinter all diesen Hintergründen muss man erkennen, welche Botschaft hier gesendet wird, wenn man Ferhat Ünvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kalojan Welkow, Fatih Saraçoğlu, Said Nessar El Hashemi und Vili Viorel Păun keine Gerechtigkeit widerfahren lässt – mal wieder.

Übernehmt endlich Verantwortung!

Die FC Bayern München-Spieler Joshua Kimmich und Leon Goretza wegen der Coronakrise spenden eine Million Euro an soziale und karitative Einrichtungen. Der NBA-Basketballer Zion Williamson zahlt die Gehälter der Stadion-Mitarbeiter seines Vereins, der New Orleans Pelicans.

Zwei Beispiele von Sportlern, die wissen: Wir, mit unseren Millionengehältern, sind nicht die, die wegen des Coronavirus‘ Existenzangst haben müssen.

Dass Kimmich, Williamson & Co. jetzt finanziell aufkommen, ist also nur richtig. Wer so viel Geld verdient, kann anderen ja jetzt auch helfen. Right?

actually.not

Nicht falsch verstehen: Was die Sportler machen – tolle Initiativen. Nur: Es sollten nicht ein 19-Jähriger (Williamson) und zwei 25-Jährige (Kimmich, Goretzka) an der Speerspitze stehen müssen.

Ja, Zion Williamson verdient in dieser Saison etwas mehr als neun Millionen Dollar. Aber er ist Jahrgang 2000, seit sechs Monaten Profi. Why the fuck zahlt nicht Team-Besitzerin Gayle Benson die Gehälter ihrer Angestellten? Gayle Benson, die NBA- & NFL-Teambesitzerin mit einem Vermögen von 3,2 MILLIARDEN Dollar?

Warum spendet der FC Bayern München nicht eine Million Euro für soziale Einrichtungen? Warum heult dieser Verein, der 2019 einen Jahresumsatz von 750 Millionen gemacht hat und auf einem sagenumwobenen Festgeldkonto hockt, wegen verpasster Ticketeinnahmen?

Und um nicht nur auf die Bayern zu kloppen: Die beiden Mega-Clubs aus Manchester, United und City, haben der local foodbank nette 100 000 Pfund gespendet. Nette Geste! Bis man merkt, dass bei United sogar Ersatztorwart Sergio Romero 100 Riesen verdient – pro Woche!

Dass 19-, 20-, 25-jährige Sportler ihren rich as fuck Teambossen vormachen müssen, wie Menschlichkeit geht: ein Armutszeugnis.

Corona? Und Schulden gibt’s gratis dazu!

Coronavirus. Das öffentliche Leben bleibt stehen. Für viele Kleinunternehmer, Selbstständige, Handwerker heißt das: fast vollständiger Einkommensverlust. Wie der SPIEGEL meldet, hat die Bundesregierung jetzt eine Lösung: ein Hilfspaket, geschnürt aus 40 Milliarden Euro.

Schreiner-Tommy, Elektrikerin-Sibel und die anderen, rund vier Millionen Selbstständige in Deutschland können also aufatmen, right?

actually.not

Das Hilfspaket kommt eher mit dem Motto „Deine Kunden sind krank? Hier, hast du auch noch Schulden“ daher. Denn von den 40 Milliarden, die der Staat in Kleinunternehmer mit bis zu zehn Mitarbeitern stecken will, sind wohl nur 10 Milliarden als Direkthilfe gedacht.

Die anderen 30 Milliarden? Kann man sich schön als Darlehen abholen. Olaf Scholz nennt das einen „Solidaritätstfonds“. Guter Joke, Olaf. Schreiner-Tommy darf seine Familie jetzt also mit geliehenem Geld ernähren. Die nächsten fünf Jahre zahlt er dann den Kredit wieder ab. Urlaub fällt dann halt mal wieder flach.

Aber Olaf Scholz & Co. dürfte das nicht interessieren. Die Politik heult lieber rum: „Jetzt geht unsere hart erkämpfte Schwarze Null flöten! Jetzt müssen wir wieder Schulden machen, wie ätzend!“

Right. Fühlt sich scheiße an, gell? Steht doch jetzt mal hinter eurem Volk! Was können kleine Selbstständige denn für die Coronakrise?

Und außerdem: Wäre jetzt nicht die Gelegenheit, mal etwas ausgefalleneres zu probieren? Ein kurzfristiges Grundeinkommen, so für drei Monate, zum Beispiel…

Frisst Corona unsere Solidarität?

Eigentlich will Deutschland Flüchtlingskinder von den griechischen Inseln aufnehmen. 1 000 bis 1 500 sollen aus den Camps rausgeholt werden. So steht es in einem Kabinettsbeschluss.

Aber das war vergangenen Montag. Als man noch in Museen und Bars gehen konnte. Weil noch kein Corona-Ausnahmezustand in Europa herrschte.

Jetzt wäre es Wahnsinn, auch noch Flüchtlinge aufzunehmen, oder?

actually.not

Gerade wegen des Virus müssen die Menschen aus den Lagern herausgeholt werden. Auf Lesbos und Co. leben zurzeit mehr als 42 000 Flüchtlinge. Obwohl die Camps dort mal für 6 000 Menschen geplant wurden. 6 000! Nicht 42 000 – zweiundvierzig-fucking-tausend – Menschen auf engstem Raum, ohne ausreichende sanitären Anlagen oder medizinische Versorgung.

Und das, während ein hochansteckendes, potentiell tödliches, Virus grassiert? Ja genau. „Ärzte ohne Grenzen“ schreibt, die Lager seien ein „idealer Nährboden für COVID-19“. Bei einem Ausbruch des Virus in einem Lager sei es unmöglich, die Krankheit einzudämmen.

Vergangene Woche hat sich ein Bündnis aus 140 Städten bereit erklärt, Kinder aus den Lagern aufzunehmen. Kleines Rechenspiel: Würde man – wie beschlossen – 1 500 auf diese Städte verteilen: Das wären rund zehn Menschen für jede Stadt. 10! Nur spricht davon keiner mehr.

Weil in Europa Grenzen dicht machen und Ausgangssperren verhängt werden. Weil wir anscheinend all unsere Solidarität schon brauchen, um andere nicht anzuhusten und für Oma einkaufen zu gehen.

Nur: die Situation in Griechenland ist deswegen nicht verschwunden. Und sie kann noch so viel schlimmer werden.

Schottland hat´s gecheckt

Vergangene Woche hat Schottland als erstes Land weltweit Hygieneartikel für Frauen kostenlos gemacht. In Apotheken, aber auch an Bahnhöfen oder in Jugendclubs gibt es Tampons, Binden oder Menstruationstassen jetzt umsonst.

In Deutschland gilt seit 1. Januar 2020 die neue sogenannte „Tamponsteuer“ – der Mehrwertsteuersatz wurde damit von 19 Prozent auf sieben Prozent gesenkt. Finanzminister Olaf Scholz ließ sich damit mächtig feiern – inklusive fancy hashtags und getaggten Promis.

Damit sind wir hierzulande auch auf dem richtigen Weg. Stimmt?

actually.not

Don’t get me wrong: 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Menstruationsartikel wie Tampons oder Binden (weil: Luxusartikel!): war eh völliger Quatsch. Und die Senkung auf sieben Prozent überfällig.

Die Maßnahme geht aber aus mehreren Gründen nicht weit genug:

  1. Warum nicht dem Beispiel von Schottland folgen? Dass eine Hälfte der Bevölkerung aus biologischen Gründen über ein Leben tausende Euros zusätzlich ausgeben muss, ist nicht richtig. Dass es auch noch die Hälfte der Bevölkerung ist, die in Deutschland laut Statistischem Bundestag immer noch 21 Prozent weniger verdient, ist ein hässliches, ironisches Problem für sich.
  2. Vor allem aber bringt auch die Steuersenkung nichts. Warum? Blame capitalism, baby. Wie Kolleginnen und Kollegen beim Berliner Tagesspiegel recherchiert haben, wälzen die Hersteller von Menstruationsprodukten die Steuersenkung einfach schamlos ab – auf den Handel. Johnson&Johnson zum Beispiel, Produzent von Marktführer „ob“: verlangt jetzt laut Lebensmittelzeitung einen Preis, der um einen zweistelligen Prozentsatz höher liegt als zuvor. Dass am Ende doch wieder die Käuferin den Aufschlag zahlen wird, liegt nahe.

Die Verteidigung der Hersteller ist übrigens: Preiserhöhung nicht wegen der Steuersenkung, sondern wegen erhöhter Qualität. Of course.

Menschen als Faustpfand

Die Türkei hat vergangene Woche groß verkündet, dass sie die Grenzen nach Griechenland nicht mehr geschlossen hält. Im türkischen Fernsehen wurde gesagt, der Weg sei frei, die Grenzen offen. Tausende verzweifelte Menschen haben sich auf den Weg gemacht und übernachten jetzt auf freiem Feld an der griechischen Grenze, weil die eben nicht offen ist.

Die griechische Armee hält in der Nähe Schießübungen ab, nimmt Menschen die es doch schaffen fest, schlägt sie und schickt sie wieder zurück in die Türkei.

Erdogan wollte mit seinem Move eine NATO-Unterstützung in Syrien erzwingen und hat darauf gesetzt, dass es in Europa noch moralische Integrität gibt.

Aber gibt es die noch?

actually.not

Und zwar schon lange nicht mehr. Schon 2016 ging die EU, allen voran Deutschland einen dreckigen Deal mit der Türkei ein. Die Grenzen zur EU sollten dicht gemacht werden und die Türkei nimmt jeden illegal in den Schengenraum geflüchteten Menschen zurück.

Dafür bekommt die Türkei Geld und es sollte möglich sein, dass syrische und irakische Geflüchtete direkt von der Türkei in der EU verteilt werden.

Das ist nie passiert. Zwar hat die Türkei die Grenzen bewacht, konnte aber nicht verhindern, dass die Menschen sich trotzdem in Schlauchbooten auf den Weg zu griechischen Inseln gemacht haben. Auch im Grenzfluss Mariza/Evros ertranken viele Menschen.

Gleichzeitig haben Ungarn und Österreich mit eiserner Hand die Balkanroute geschlossen. Ich erinnere mich an Bilder von Geflüchteten, die sich im Winter in Ölfässern gewaschen haben.

Die EU hätte die Chance gehabt auf Erdogans Erpressung mit einem Akt der Menschlichkeit zu reagieren. Die Grenzen zu Öffnen und die Menschen auf einem Stück Griechenland zumindest mit Zelten und Decken zu versorgen. Das wären Bilder gewesen, mit denen Erdogan nicht gerechnet hätte.

Stattdessen fliegt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der (ähm) Leyen die Grenze entlang, lässt 700 Millionen Euro regnen und spricht dann von einem „europäischen Schild“, als seien es die Geflüchteten, die man abwehren müsste. Und nicht die Despoten, die Krieg führen und die Menschen erst zur Flucht zwingen. Looking at you: Erdogan!

Corona: Die Schweiz macht Stress

Am Anfang der Woche kamen Fotos von Soldaten mit Atemmasken aus Italien – Ende der Woche überrascht die Schweiz mit einer harten Entscheidung: Laut Epidemiengesetz sind alle Großveranstaltungen ab sofort verboten.

Gute Idee?

actually.not

Eishockey-Teams schieben den Puck bei Geister-Spielen durch leere Stadien. Die Vorhänge von großen Theaterbühnen bleiben zu. Tausende Fans von AnnenMayKantereit sind umsonst nach Zürich gekommen, hier darf die Band an diesem Abend nicht spielen. 

Die Schweiz will kein zweites Italien werden, fürchtet sich vor Covid-19.

Alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Menschen – öffentliche wie private – sind abgesagt. Fasnacht, Skimarathon, Uhrenmesse: alles gecancelt. Zunächst bis 15. März, vielleicht länger.

Noch nie hat es das gegeben in der Schweiz.

Die Regierung sieht den „Schutz der Bevölkerung als oberste Priorität“. Panik wolle man keine verbreiten, hieß es noch vor wenigen Tagen. 

Ist dieses Verbot nicht genau das: Panikmache?

Die Erfahrung mit Corona zeigt bisher: Die meisten Erkrankungen verlaufen harmlos, Husten, Schnupfen, Halsweh – nichts, was man nicht Zuhause aussitzen kann. Vor allem für über 60-Jährige und Menschen mit Lungenproblemen ist das Virus gefährlich. Nichtmal Kinder, die sich sonst schneller mal anstecken, gehören zur Risikogruppe.

In der Schweiz stiegen die bestätigten Corona-Fälle zwar sprunghaft an (von vier auf 18), aber der erste Patient (ein 70-jähriger) wurde schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen. 

Das Bundesamt für Gesundheit ist trotzdem unsicher: „Keiner weiß, wie es ausgeht.“ Man dürfe das Virus nicht unterschätzen. 

Das Schweizer Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt. 

Die Krankenhäuser könnten schnell überlastet sein, fürchtet die Regierung. Wenn nicht mehr nachzuverfolgen sei, wer sich wo mit Covid-19 angesteckt habe. Bisher kenne man bei allen kranken Schweizerinnen und Schweizern die „Infektionsketten“. Und das soll so bleiben. 

Von wegen Panikmache. Alain Berset, Gesundheitsminister und Sozialdemokrat, tut die Entscheidung zwar leid, aber er verteidigt sie: „Es ist nicht so drastisch, ehrlich gesagt. Es zeigt, dass wir handeln, am richtigen Moment, verhältnismäßig und richtige Maßnahmen treffen.“ 

Darum geht es hier also: Handlungsfähigkeit. In dem Land der direkten Demokratie, das seine Leute mitbestimmen lässt, fühlt sich das nach Hauruck an.

Die Transparenz der Behörden ist gut. Doch die Maßnahme falsch. 

Es kann nicht richtig sein, den Menschen die Freiheit ihrer Freizeitgestaltung zu nehmen oder sie zumindest darin einzuschränken. Warum soll man arbeiten gehen aber nicht zum Fußballmatch oder ins Theater?

Es geht um mehr als Spaß. Auch Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit werden beschnitten. Die Demo zum internationalen Frauentag am 8. März in Zürich ist bereits abgesagt.

Besser wäre, der Staat würde jetzt wirklich flächendeckend informieren, den richtigen Umgang mit der Krankheit schulen: Wie sich davor schützen? Wie reagieren? Wann zur Ärztin oder besser Zuhause bleiben? 

„Soziale Distanzierung“ nennt ein Pandemie-Experte die Maßnahme. Und genau das passiert. Ein Land, das sich gern herzlich zeigt, wo zum Gruß drei Küsschen (links-rechts-und-wieder-links) verteilt werden, wo Lehrerinnen ihren Schülern jeden Tag die Hand geben (jeden Tag!), muss auf Abstand gehen. 

Ein Gefühl der Unsicherheit war schon in den letzten Tagen da, am Esstisch, im Büro.

Jetzt ist die Corona-Krise spürbar.

Immerhin zeigt die Entscheidung der Regierung eins: Das Bankenland Schweiz denkt erst an das Wohl seiner Bürgerinnen und Bürger – und erst später an die Wirtschaft. Denn die Umsätze werden mit dem Verbot großer Events einbrechen, das Geld in vielen Kassen fehlen. Auch wenn es nur zwei Wochen dauern sollte.

Wenn Ihr mehr über Corona wissen wollt: Die Gesundheitsämter von Deutschland, Österreich und der Schweiz informieren über die jeweils aktuelle Lage. 

Nur weil etwas schon immer scheiße war, muss es nicht so bleiben – verbietet endlich das N-Wort!

Vor wenigen Tagen erst kursierte auf Instagram ein Video, in dem zwei ältere, weiße Herren bei einer casual Unterhaltung zu sehen waren, in der wohl mehrfach das N-Wort fiel. Im Beisein einer schwarzen Person. Offenbar gingen die Herren davon aus, dass er kein Deutsch versteht. Oder aber – und dieser Verdacht verschärfte sich im Laufe des Videos – es war ihnen schlichtweg egal, ob er sie versteht. Das N-Wort sei schließlich schon immer gesagt worden und habe eh nie eine beleidigende Konnotation gehabt, entgegnen die Herren auf die Erklärungsversuche, warum, in fact, das Gegenteil der Fall ist.

Abgesehen davon, dass „wir haben das schon immer so gemacht, also bleibt das so“ das sinnentleerteste Argument aller Zeiten ist, liegt das Hauptproblem dieser Haltung in der kompletten Leugnung der Lebensrealität (und der historischen Realität sowieso) schwarzer Menschen. Das N-Wort ist Gewalt, auch wenn seine Verletzungen keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Und es obliegt nicht dem Schläger, zu beurteilen, ob seine Taten weh tun oder nicht.

Es ist mehr als Zeit, dieses Wort genauso zu behandeln wie andere Gewalttaten: Es muss verboten werden. Etwas, woran das Landesverfassungsgerichts von Mecklenburg-Vorpommern in Greifswald Ende letzten Jahres scheiterte.

Auslöser war der AfD-Landtagsfraktionschef Nikolaus Kramer gewesen, der während einer Landtagssitzung das Wort mehrfach verwendet und dafür (nachträglich!) einen Ordnungsruf erhalten hatte. Grund genug für ihn, zu klagen,schließlich sei sein „Rederecht verletzt worden“. Wie gesagt: Der Ordnungsruf war Wochen nach dem Vorfall rückwirkend erteilt worden. Und Kramer bekam Recht zugesprochen. Absurder wird’s kaum mehr.

Ist das gerecht?

actually.not

Wie Moderatorin Aminata Belli auch gegenüber actually.not erklärte: „Jedes Mal, wenn jemand dieses Wort sagt, schmerzt es in meinem Körper. Da ist eine kleine Wunde, in die immer wieder reingestochen wird und die leider nicht heilen kann.“

Schwarze Menschen müssen gehört und verstanden werden – um heilen zu können.

Was kann man also tun? Vieles. Zum Beispiel könnt ihr die Petition „Rechtliche Anerkennung, dass der Begriff ‚Neger‘ rassistisch ist!“ unterschreiben, zu deren Unterstützer/innen unter anderem auch Aminata zählt. Geht am Samstag den 29.02 auf die Demonstration vor dem Landgericht Hamburg.

Und fast noch wichtiger: Schreitet ein, wenn in eurem Beisein das Wort benutzt wird. Klärt die Menschen auf, immer und immer wieder. Gewährt Rassismus und jeglichen anderen Gewalttaten keinen Millimeter Raum in eurem Beisein. Und vor allem: Hört den Menschen zu, die betroffen sind. Ihnen gilt all euer Verständnis.

Auf BILD seinen Nacken gegen den Rassismus – really?

Am vergangenen Samstag fand die alljährliche Berlinale-Party der BILD-Zeitung (@placetob) statt. Champagnertrinken auf Julian Reichelt seinen Nacken für gute Kontakte, Jobs und am wichtigsten: die Gunst der mächtigsten Tageszeitung des Landes. Pater-Noster-Metapher, ihr wisst. Same procedure as every year. Doch dieses Jahr war es anders.

Kurz nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau, bei dem zehn Menschen ermordet wurden, mit jener sehr mächtigen Tageszeitung zu feiern, die die letzten Jahre ein Klima erzeugt hat in dem Muslime, Flüchtlinge und Arme dämonisiert und kriminalisiert werden, fühlte sich für viele falsch an. Boykottaufrufe wurden laut, einige Influencer, Schauspieler und andere Prominente blieben der Party fern. Viele aber kamen trotzdem. Ihre Gründe sind nachvollziehbar, Pater-Noster-Metapher, ihr wisst. Und darum geht es hier heute auch nicht.

Hier geht nicht um jene, die sich nicht trauten, einfach mal die BILD-Party zu schwänzen, sondern um jene, die meinten, GERADE hinzugehen wäre doch das bessere Statement. GERADE vor Ort mit der Springer-Presse zu diskutieren, ein Pappschild hochzuhalten, auf dem #noracism gefordert wird, das sei doch das viel größere Zeichen und überhaupt – Boykottaufrufe, DAS ist die wAhRE HeTzE.

actually.not

Die BILD-Zeitung hat keine politische Agenda. Oder besser formuliert: Die einzige politische Agenda, die man im Springer-Turm verfolgt, ist Auflage. Was sich verkauft, wird gedruckt. Wenn Rechtsruck, Islamfeindlichkeit und Klassizismus gerade trendet, dann macht man eben mit der Dämonisierung von Shisha-Cafés, „Messer-Moslems“ und „Luxus-Hartzern“ seine Schlagzeilen. Wenn gerade ein „geistig verwirrter“ Rassist zehn Leute ermordet hat, dann eben mit Trauerbekundungen um jene Leute, die man in den Jahren zuvor erbarmungslos verfolgt hat.

Ergo ist es der BILD auch scheißegal, ob ihr ein #noracism Schild vor der Fotoleinwand hochhaltet – denn sie druckt es einfach nicht. Stattdessen werben sie danach mit den Gesichtern der Promis in eigener Sache, wie „bunt“ die diesjährige Party doch gewesen sei und waschen sich selbst rein. Und Julian Reichelt wischt sich mit einem Stack lila Scheine die Lachtränen aus den Augenwinkeln.

2020 müsste das beliebte Zitat der Friedensbewegung, „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ ein Update bekommen. Stell dir vor, es ist BILD-Party und keiner geht hin.

DAS wäre ein Zeichen gewesen.

Pimp my Bundestag!

Deutschland hat zu viele Abgeordnete: Statt 598 (wie in §1 Bundeswahlgesetz festgelegt) hocken aktuell 709 Parlamentarier an der Spree. Warum? It’s the Überhangmandate, stupid. Kurz: Hat eine Partei mehr Direktmandate gewonnen als ihr nach Listenwahl zustehen, bekommt sie sogenannte Überhangmandate. Ist wie beim Bäcker um 17.30 Uhr: Buy one, get two free.

Also soll der Bundestag reformiert werden. Sagen alle: Regierung, Opposition, Bundestagspräsident. Oder?

actually.not

Die Wahlrechtsreform lässt auf sich warten. Ganz einfach: Die großen Jungs im Bundestag – I’m looking at you, CDU/CSU und SPD – haben daran gar kein Interesse. Die Regierungsparteien holen nämlich eine ganze Menge ihrer Abgeordneten über Direktmandate rein (SPD: 59. Und a whopping 231 bei CDU/CSU). Zur Verdeutlichung: In Bayern gewinnt die CSU seit Jahrtausenden (ehrlich) ALLE Direktmandate.

Aber Union und SPD geht es in den Umfragen grad mies. Würde heißen: Weniger Abgeordnete nach der nächsten Wahl. Bleibt der Bundestag jedoch groß (oder wächst sogar), lässt sich das gut auffangen. Und eine Menge Leute behalten ihre Jobs. Yay! Was würden diese Leute auch ohne ihr Mandat machen? Wieder als Anwalt arbeiten? Pah!

Außerdem – beim Bundestag selber rechnet niemand mit einer schnellen Reform: Die Bundestagsverwaltung baut gerade 400 zusätzliche Abgeordnetenbüros in Berlin-Mitte. Klar, die Büros sind provisorisch. Und auf 15 Jahre ausgelegt.

Dann kann die Reform des Wahlrechts ja 2035 kommen!