Corona: Die Schweiz macht Stress

Am Anfang der Woche kamen Fotos von Soldaten mit Atemmasken aus Italien – Ende der Woche überrascht die Schweiz mit einer harten Entscheidung: Laut Epidemiengesetz sind alle Großveranstaltungen ab sofort verboten.

Gute Idee?

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Eishockey-Teams schieben den Puck bei Geister-Spielen durch leere Stadien. Die Vorhänge von großen Theaterbühnen bleiben zu. Tausende Fans von AnnenMayKantereit sind umsonst nach Zürich gekommen, hier darf die Band an diesem Abend nicht spielen. 

Die Schweiz will kein zweites Italien werden, fürchtet sich vor Covid-19.

Alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Menschen – öffentliche wie private – sind abgesagt. Fasnacht, Skimarathon, Uhrenmesse: alles gecancelt. Zunächst bis 15. März, vielleicht länger.

Noch nie hat es das gegeben in der Schweiz.

Die Regierung sieht den „Schutz der Bevölkerung als oberste Priorität“. Panik wolle man keine verbreiten, hieß es noch vor wenigen Tagen. 

Ist dieses Verbot nicht genau das: Panikmache?

Die Erfahrung mit Corona zeigt bisher: Die meisten Erkrankungen verlaufen harmlos, Husten, Schnupfen, Halsweh – nichts, was man nicht Zuhause aussitzen kann. Vor allem für über 60-Jährige und Menschen mit Lungenproblemen ist das Virus gefährlich. Nichtmal Kinder, die sich sonst schneller mal anstecken, gehören zur Risikogruppe.

In der Schweiz stiegen die bestätigten Corona-Fälle zwar sprunghaft an (von vier auf 18), aber der erste Patient (ein 70-jähriger) wurde schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen. 

Das Bundesamt für Gesundheit ist trotzdem unsicher: „Keiner weiß, wie es ausgeht.“ Man dürfe das Virus nicht unterschätzen. 

Das Schweizer Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt. 

Die Krankenhäuser könnten schnell überlastet sein, fürchtet die Regierung. Wenn nicht mehr nachzuverfolgen sei, wer sich wo mit Covid-19 angesteckt habe. Bisher kenne man bei allen kranken Schweizerinnen und Schweizern die „Infektionsketten“. Und das soll so bleiben. 

Von wegen Panikmache. Alain Berset, Gesundheitsminister und Sozialdemokrat, tut die Entscheidung zwar leid, aber er verteidigt sie: „Es ist nicht so drastisch, ehrlich gesagt. Es zeigt, dass wir handeln, am richtigen Moment, verhältnismäßig und richtige Maßnahmen treffen.“ 

Darum geht es hier also: Handlungsfähigkeit. In dem Land der direkten Demokratie, das seine Leute mitbestimmen lässt, fühlt sich das nach Hauruck an.

Die Transparenz der Behörden ist gut. Doch die Maßnahme falsch. 

Es kann nicht richtig sein, den Menschen die Freiheit ihrer Freizeitgestaltung zu nehmen oder sie zumindest darin einzuschränken. Warum soll man arbeiten gehen aber nicht zum Fußballmatch oder ins Theater?

Es geht um mehr als Spaß. Auch Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit werden beschnitten. Die Demo zum internationalen Frauentag am 8. März in Zürich ist bereits abgesagt.

Besser wäre, der Staat würde jetzt wirklich flächendeckend informieren, den richtigen Umgang mit der Krankheit schulen: Wie sich davor schützen? Wie reagieren? Wann zur Ärztin oder besser Zuhause bleiben? 

„Soziale Distanzierung“ nennt ein Pandemie-Experte die Maßnahme. Und genau das passiert. Ein Land, das sich gern herzlich zeigt, wo zum Gruß drei Küsschen (links-rechts-und-wieder-links) verteilt werden, wo Lehrerinnen ihren Schülern jeden Tag die Hand geben (jeden Tag!), muss auf Abstand gehen. 

Ein Gefühl der Unsicherheit war schon in den letzten Tagen da, am Esstisch, im Büro.

Jetzt ist die Corona-Krise spürbar.

Immerhin zeigt die Entscheidung der Regierung eins: Das Bankenland Schweiz denkt erst an das Wohl seiner Bürgerinnen und Bürger – und erst später an die Wirtschaft. Denn die Umsätze werden mit dem Verbot großer Events einbrechen, das Geld in vielen Kassen fehlen. Auch wenn es nur zwei Wochen dauern sollte.

Wenn Ihr mehr über Corona wissen wollt: Die Gesundheitsämter von Deutschland, Österreich und der Schweiz informieren über die jeweils aktuelle Lage. 

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