Lieber Christoph, die FDP fällt um

Lieber Christoph, die FDP fällt um

IMG_4951Lieber Christoph,

ich schreibe dir direkt aus meiner tiefsten Depression seit Jahren. Wie Stromberg einmal sagte: „Ich habe einen inneren November“. Aus meinem Fenster blicke ich auf das entstellte bayerische Sozialministerium (siehe Foto). Hinter dem Schneeregen und den kahlen Bäumen sieht es aus wie ein Stück DDR Geschichte. Nur die fahlen Leuchtstoffröhren in den oberen Fenstern geben einen Hinweis auf das triste Lebe darin.

Ich höre B5 aktuell und träume von Jamaika. Doch wie du als Hauptstadt Journalist wohl am besten weißt -- Jamaika ist nicht mehr. Reise abgesagt. Als ich Sonntag Nacht das Statement von Christian Lindner sah, musste ich lachen. Die Zynik ist perfekt gelungen.

Denn es gab mal eine Zeit, da war regieren einfach. CDU oder SPD -- Hauptsache Volkspartei. Die FDP stieg mit dem gerade angesagtesten Partner ins Bett und fertig war die Koalition. Königsmacher nannte man sie damals. Hure hätte besser gepasst. Denn die Liberalen waren die „Umfallerpartei“. Sie verrieten ihre Partner, mit denen es vorher ganz gut lief, von einem auf den anderen Wahltag.

Manchmal war die FDP auch untreu mitten im ruhigen Regierungsalltag. Als sie Ludwig Erhard das Herz brach und ihn verließ (ironischerweise auch in einem November, dem des Jahres 1966), da stand sie danach mit nichts da. Die große Koalition übernahm und die Gelben waren raus aus dem Kabinett. Ich stelle sie mir heute vor als gebrochene aber stolze Frau, die den fetten, alten Erhard mit seiner ekelhaften Zigarrensucht nicht mehr ausgehalten hat. Sie wählte lieber den Absturz in die Bedeutungslosigkeit aka Opposition, als sich weiter vom Wirtschaftswunder-Ludwig erniedrigen zu lassen.

16 Jahre später war dann von ihrem Stolz nichts mehr übrig. Sie verließ Helmut Schmidt, vielleicht ebenfalls wegen dem Rauchen, wer weiß das schon. Dann aber machte sie sofort wieder die Beine für Kohl breit. Wie tief kann man sinken?

Als Guido Westerwelle dann von 18 Prozent phantasierte und sich mit seinem Wohnmobil auf McDonald’s Parkplätzen und im Big Brother Container prostituierte war, die Verwandlung endlich komplett. Man fiel bös’ auf die Schnauze und holte nur etwas mehr als 7%. Die Grünen waren wohl die neuen Königsmacher. 2009 war Gelb wieder geil und die FDP wieder ganz oben. Der Kater kam vier Jahre später. Auch für mich.

In meiner jugendlichen Verwirrtheit trat ich 2008 in die Partei der Selbstständigen und Hoteliers ein und rief ganz selbstverständlich: „Liberal, scheißegal!“. Ich kann dich bis nach München lachen hören und du hast Recht. Auch ich war eine Nutte, die auf die Gewinner setzte. Ich fühlte mich ganz toll, als Guido mir im Festzelt in Tutzing auf den Rücken klopfte und mir eine große Zukunft prophezeite. 2010 verpisste ich mich (ganz FDP-like) wieder, als die Liberalen nach der Mehrwertsteuersenkung für Hotels in den Keller der öffentlichen Meinung stürzte.

Und dann… kam Christian Lindner. Er ordnete die Partei, entsorgte den senilen Brüderle und machte aus der FDP wieder das, was sie Jahrzehnte lang in Deutschland gewesen war: eine miese, geldgeile, schmierige Hure, die für ihr politisches Überleben die eigene Mutter verkaufen würde. Sein Hugo Boss-mäßiger, durchgestylter Wahlkampf hiefte Lindner plus Anhang wieder ins Parlament -- und alle BWL-Schnösel klatschten im Takt.

Dann kamen die Sondierungen mit Union und Grünen. Jamaika war eine klasse Metapher dafür. Man konnte Sachen sagen wie: „Jamaika ist noch über 8.000 Kilometer entfernt“.

Ausgedacht hat sich den Begriff Jamaika übrigens ein kleiner 16-Jähriger Kiffer, dessen Vater ein halbwegs passabler Politikprof ist (true story!). Als Papa dann damals über die Möglichkeiten einer Schwarz-Gelb-Grünen Koalition sinnierte, sagte sein Sohn so etwas wie: „Hey, Alter! Das sieht ja aus wie Jamaika!“. Danach presste er seinen jugendlichen Mund wieder fest auf seine Bong. Papa war stolz.

So weit sind wir schon. Halbstarke Kiffer dürfen den öffentlichen Diskurs bestimmen, aber die Legalisierung ist immer noch nicht da. Das ist doch Scheiße Christoph!

Letztendlich waren die Sondierungen für Mister Dornige-Chancen dann doch etwas zu stachelig. Umgefallen ist er, wie man das von der FDP gewohnt ist. Damit reiht er sich ein in die Tradition großer Liberaler. Dass er uns damit in die größte innenpolitische Krise seit der Weimarer Zeit stürzt, ist ihm egal. Nur wegen ihm müssen wir jetzt über Minderheitsregierungen und Neuwahlen sprechen. Naja, wenigstens ist endlich mal wieder richtig Druck auf dem Berliner Polit-Kessel. Keiner weiß so wirklich, wie sich das auf eine mögliche Neuwahl auswirken wird, schlicht und einfach deshalb, weil es so eine Situation noch nie gab.

Die Ratlosigkeit steht allen ins Gesicht geschrieben. Allen voran dem brandneuen Präsidenten Steinmeier. Als ihn die schicksalshafte Nachricht am Sonntag erreichte, hatte er eben erst die Füße auf seinen präsidialen Hocker geschwungen und mit seiner Frau auf die politische Rente angestoßen. Jetzt ist er auf einmal in Charge. Sein Statement von Montag klang für mich so: „Bitte regelt das unter euch, Neuwahlen hab ich wirklich keinen Bock drauf. Bitte ruft erst wieder an, wenn’s ganz schlimm ist und so lange reißt ihr euch mal zusammen, ja?“.

Es ist so frustrierend Christoph! Gott sei Dank ist bald Weihnachten.

Es grüßt dich dein Freund

Jan