Foto: Christoph Kürbel

Wenn die Medien versagen und Social Media zum Sündenbock wird

Am 22. Juli 2016 war München im Ausnahmezustand. Die Terrorangst war groß und die Stadt lahmgelegt. Während im Fernsehen, ob öffentlich-rechtlich oder privat, die immer gleichen Bilder gezeigt wurden und ahnungslose Korrespondenten an einer Kreuzung herumstanden ohne informiert zu sein, war ich in der Innenstadt unterwegs und habe versucht an Informationen zu gelangen. Auf Twitter habe ich diese Informationen geteilt. Die Falschdarstellungen über Infos aus Social Media, die im Nachgang auch mit meinem Twitterprofil bei der ARD gezeigt wurden, ärgern mich maßlos. Da ist die Rede von “falschen Gerüchten”, die verbreitet werden, und gleichzeitig bedient sich die gesamte Medienwelt schamlos aller Infos und Bilder.

Als ich in der SBahn richtung Innenstadt sitze, wird bekannt, dass der Stachus komplett gesperrt ist. Die Züge fahren durch. Ich steige am Marienplatz aus und gehe von dort in Richtung Stachus. Auf dem Weg dorthin liegt der Snipes, ein Schuhgeschäft in der Kaufingerstraße. Die Polizei hat den Eingang umstellt, die Waffen im Anschlag. Die Kunden müssen mit erhobenen Händen herauskommen und sich auf den Boden legen. Ich filme. Das Video lade ich zeitversetzt auf Twitter hoch.

Kurze Zeit später schreiben mich unter dem Video unzählige Redaktionen aus der ganzen Welt an. Unter anderem auch die Tagesschau.

Screenshot unter meinem Video bei Twitter

Screenshot unter meinem Video bei Twitter

Das Video habe ich am nächsten Tag an die Associated Press verkauft. Einer anderen Redaktion habe ich keine Rechte zur nicht exklusiven Verbreitung gegeben. Dennoch taucht das Video als eingebetteter Tweet in den NewsFeeds vieler Medienhäuser auf.

Hier eine kleine Auswahl:

CNN Greece

Russia Today

Sky News

newstalk

und viele mehr

Nun zum eigentlichen Aufreger, da ich mir keine Illusionen mache, die Methode “Quelle: Internet” könne jemals aus den Medien verschwinden. Im Mittagsmagazin von ARD vom 27.7.2016 wird in einem Beitrag über die vermeintliche Panikmache durch Nutzer sozialer Netzwerke berichtet. Dabei filmt das Redaktionsteam ihren eigenen Bildschirm ab und scrollt dabei mein Twitterprofil ab. Dann folgt ein Tweet von mir. Und anschließend besagtes Video. Der Text, der dazu aus dem Off gesprochen wird lautet wie folgt:

“Auch auf Twitter kursieren falsche Gerüchte. Um 19 Uhr 12 wollen Augenzeugen Schüsse am Karlsplatz Stachus gehört haben. Dieses Twittervideo zeigt, wie ein Geschäft von der Polizei geräumt wird, obwohl der Täter nie hier war. In den sozialen Medien verbreiten sich Gerüchte, die Menschen in traumatische Situationen bringen.”

Wer sich meine Tweets von dem Tag ansieht, stellt fest, dass ich zu keinem Zeitpunkt eine falsche Behauptung aufgestellt habe, noch habe ich Augenzeugenberichte als Tatsachen dargestellt. In diesem Beitrag wird außerdem deutlich, wie sehr Social Media für die Paniken verantwortlich gemacht wird. Dass sich aber die Medien vor allem an dem Tag und auch in den folgenden Tagen mehrheitlich daraus bedient haben, weil sie selbst keine Informationen gesammelt oder Aufnahmen gemacht haben, wird nicht erwähnt. Besonders peinlich wird es, als die Redaktion von BR24 die Menschen auffordert, doch bitte Periscope einzuschalten und Bilder zu liefern.

Massenpanik im Hofbräuhaus

In der Nähe des Schuhgeschäfts treffe ich eine polnische Touristin, die laut eigener Aussage gerade vom Hofbräuhaus kam. Sie will Schüsse gehört haben und ist deswegen geflohen. Ich mache mich auf den Weg zum Hofbräuhaus und finde eine zerbrochene Fensterscheibe vor, an der Fassade klebt Blut. Ich mache ein Foto und lade es auf Twitter hoch. Anschließend spreche ich mit einem Musiker aus der Kapelle des Hofbräuhaus. Er hat keine Schüsse gehört.

Auch dieses Foto landet in diversen Live-Tickern, mal als eingebetteter Tweet oder, wie bei der Huffington Post, als Foto ohne Credit. Auf Anfrage nach Honorar beim Münchner Merkur antwortet nicht einmal die Redakteurin selbst, sondern gleich die Rechtsabteilung und schreibt:

“… wir sind nicht bereit, eine Entschädigung zu bezahlen. Ich werde aber die Redaktion bitten, Ihren Tweet aus dem Beitrag zu löschen.”

Da ist der Beitrag aber schon mehr als eine Woche online und daher aus Sicht des Münchner Merkur schon gelaufen.

Das Foto taucht in vielen Live-Tickern auf und keine deutsche Redaktion kommt auch nur auf die Idee, nachzufragen, ob sie das Foto verwenden dürfen. Hier legen die internationalen Kollegen ein anderes Verhalten an den Tag. Obwohl man immer wieder von rücksichtslosen Methoden, gerade US-amerikanischer Medien hört, haben alle bei Twitter eine öffentliche Anfrage gestellt. Nur so viel zur Rolle von freien Journalisten in Deutschland.

Die Panik

Natürlich hat es durch die vielen Mutmaßungen und Falschmeldungen bei Twitter und Facebook panische Reaktionen gegeben. Die allgemeine Unruhe war spürbar und da trägt Social Media definitiv seine Mitschuld. Trotzdem kann man auch das Vorgehen der Polizei und die Posts ihres Social-Media-Teams kritisieren. Mich hat es nicht gewundert, dass es zu Panikreaktionen in der Innenstadt gekommen ist, wenn die Polizei von “mehreren Tätern mit Langwaffen” spricht. Gleichzeitig sind die Menschen in der Innenstadt gefangen und kommen nicht weg. Als dann das SEK und die Polizei schwer bewaffnet in die Kaufingerstraße eingerückt sind, habe auch ich mich gefühlt wie im Kriegsgebiet.

Während all das passiert, stehen die Medienvertreter an einer abgesperrten Kreuzung, weit weg vom eigentlichen Tatort, bei ihren Übertragungswagen und stellen Mutmaßungen an. Was in der Innenstadt passiert ist, hat keiner von ihnen auf dem Schirm. Natürlich erzeugt da ein Islamismusexperte im Gepräch über möglichen islamistischen Terror in München genauso viel Panik, wie die vielen Falschmeldungen im Netz.