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Terror und Verteilungsproblem

für eine radikale Friedenspolitik. 

Ein Essay.

 

Dieser Text versucht korrekt zu gendern. Sollte dies den Lesefluss hemmen, wird die weibliche Form verwendet. Selbstverständlich sind alle anderen Geschlechter* mitgemeint. 

 

Der Terror ist ein Einzelschlag. Immer. Man weiß nicht, wann er kommt und man weiß, dass der*- oder diejenige, die ihn ausgeführt hat, keinen zweiten mehr begehen wird.

Das lateinische Nomen terror bedeutet Angst oder Schrecken, bezeichnet also vielmehr die Auswirkungen, die der Terror versucht, zu erzielen. Spinnt man diesen Gedanken weiter, so geht es letztlich eben nur um diese Angst und diesen Schrecken der zuvor funktionierenden Massen einer Bevölkerung, nicht um eine höhere Ursache oder eine apriorische Idee, die durchgesetzt werden muss. Es geht nicht darum, Bürger*innen von einer extremen Form des Islam, oder von der Sharia zu überzeugen, es geht darum, Massen in Angst zu versetzen.
Massen in Angst, panische Massen, sind schwer kontrollierbar. Eine Masse, in der Panik ausbricht, verwandelt sich in eine Fluchtmasse, kann alles mitreißen, was ihr in den Weg kommt, differenziert nicht mehr zwischen Freund und Feind, sie ist ein instabiler Faktor.
Daraus ergeben sich verschiedene politische Handlungen, die einen Zustand der Ausnahme, den Notstand, für eine unbestimmte Zeit ausrufen. Es werden also zuvor wesentliche Rechte des einzelnen Individuums außer Kraft gesetzt;  Hausdurchsuchungen, Ausgangssperren werden erleichtert.
Nicht umsonst spricht man von Anschlägen auf das kollektiv freiheitliche Leben, auch im Sinne von Bewegungsfreiheit.

Dass Anschläge in anderen Ländern, in denen sie auf der Tagesordnung stehen, hier meist nicht einmal eine Randnotiz wert sind, liegt einerseits an der räumlichen Distanz. Frei nach dem Motto: ‚Was interessiert mich, was nicht vor meiner Haustür stattfindet.‘ Zuvor muss eine Einstufung von Menschenleben vorgenommen worden sein. Terrortote, die der eigenen Zugehörigkeit über Nation, Sprache und „Kulturkreis“ entsprechen, werden heftiger, vor allem öffentlicher beklagt, als solche, die „dem Anderen“ zuzurechnen sind.

„‚Unbetrauerbar‘ in diesem, von der Logik des Krieges etablierten, Sinn sind Leben, die nicht betrauert werden, weil ihnen zuvor bereits ihre Existenz abgesprochen worden ist, weil sie nie als Leben zählten.“, konstatiert Judith Butler in Krieg und Affekt.

Für wen sind wir verantwortlich? Nur für die Personen, die derselben Nationalität angehören? Für Europäer? Für die ganze Welt? Was bedeutet überhaupt Verantwortung? Individuelle Verantwortung? Macht es einen Unterschied, wenn ich als Individuum so oder so handele?
Fragen, die nie alt werden und immer wieder neu gestellt werden müssen. Judith Butlers Lösungsansatz: Die allgemein menschliche Verletzbarkeit des anderen anerkennen und sich bewusst machen, dass ein Ich ohne ein Du nicht existieren kann.

Fehlende Chancengleichheit, fehlendes ökonomisches Kapital

Wenn der Terror auch aus der Mitte unserer Gesellschaft, aus den prekären Vierteln, den Ghettos, den Banlieues geboren wird, so steht dies im direkten Zusammenhang mit der fehlenden Chancengleichheit und der ungleichen Verteilung von Vermögen in der hiesigen Gesellschaft. Wenn man nach Pierre Bourdieu geht, der behauptet, dass kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital ineinander umwandelbar sei, so geht die Gleichung eben nicht auf, wenn das ökonomische Kapital in einer Bevölkerungsgruppe komplett wegfällt. Bei dem Gerede um Integration (also eine Art Akkumulation von kulturell-sozialem Kapital), fällt dieser Aspekt oft unter den Tisch: Wer am Rande des Existenzminimums lebt, kann kein kulturell-soziales Kapital generieren. Es gibt ein Verteilungsproblem, in unserer Gesellschaft und in der gesamten Weltgesellschaft. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, weil sie eben nichts haben, können nur noch ihr Leben einsetzen und in dieser Form gegen die Ungleichheit, gegen eine westliche Außenpolitik, gegen von Fanatikern kreierte Feindbilder demonstrieren. Vielleicht ist der Terror des Selbstmordattentats die extremste Form des Protests oder der Demonstration, die man sich vorstellen kann.

Zeitung und Banalität

Nachrichten über Terror, immer aus Situationen der Ausnahme heraus verfasst, generieren Klicks, Geld, Themen. Hin und wieder braucht Berichterstattung eine Klimax, um ihrer narrativen Funktionweise, Genüge zu tun. Sensationsnachrichten werden eher angeklickt, Titelseiten, die mit Sensationen werben, verlocken eher zum Kauf der Zeitung.

Elias Canetti hält über das Zeitungslesen fest:
„Der Abscheu vor dem Zusammen-Töten ist ganz modernen Datums. Man überschätze ihn nicht. Auch heute nimmt jeder an öffentlichen Hinrichtungen teil, durch die Zeitung. Man hat es nur, wie alles, viel bequemer. Man sitzt in Ruhe bei sich und kann unter hundert Einzelheiten bei denen verweilen, die einen besonders erregen. Man akklamiert erst, wenn alles vorüber ist, nicht die leiseste Spur von Mitschuld trübt den Genuß. Man ist für nichts verantwortlich, nicht fürs Urteil, nicht für den Augenzeugen, nicht für seinen Bericht und auch nicht für die Zeitung, die den Bericht gedruckt hat. […] Im Publikum der Zeitungsleser hat sich eine gemilderte, aber durch ihre Distanz von den Ereignissen umso verantwortungslosere Hetzmasse am Leben erhalten, man wäre versucht zu sagen, ihre verächtlichste und zugleich stabilste Form. Da sie sich nicht einmal zu versammeln braucht, kommt sie auch um ihren Zerfall herum, für Abwechslung ist in der täglichen Wiederholung der Zeitung gesorgt.“

Die Masse sitzt vor den Bildschirmen und ergötzt sich an Fotos von Salah Abdeslam und den Brüdern Bakraoui, Symbolbilder von Dschihadisten mit erhobenen Gewehren und schwarzen IS-Flaggen werden eingesetzt, wenn man den Artikel nicht mit großformatigen Gesichtern bebildern kann. Das umstrittene Bild des ertrunkenen und an den Strand gespülten Flüchtlingskindes Aylan, vielfach gepostet oder eben aus erklärten Gründen nicht veröffentlicht, genügt immer noch einem ästhetisierten Maßstab von Tod. Es ist ästhetisch schön, es macht Massensterben kommensurabel, leicht verdaulich. Genauso verleihen die Portraits der Dschihadisten dem Terror ein Gesicht, machen ihn greifbar und auf absurde Weise banal.
Warum genügt nicht nur Text? Susan Sontag stellt in Das Leiden anderer betrachten die Frage nach der Legitimation von Kriegsfotografie und gelangt zu dem Schluss, dass ein Bild der Gewalt – ohne allerdings zu interpretieren – existieren muss, um Zeugnis zu sein, um die Gewalt für die Wahrnehmung einer Betrachter*in überhaupt existent zu machen. Journalist*innen haben ein weiteres Problem: Menschliche Aufmerksamkeit springt zuerst zu Bildern, dann zu Überschriften und vielleicht dann zum eigentlichen Text. Online herrscht ein Überangebot von Information und die Leser*in muss selektieren, da sie meist wenig Zeit hat und so zu kürzeren, zusammenfassenden Artikeln neigt. In der Fülle von bereitgestellten Informationen, folgt der Surfer dem Pfad des Auges, dem vielversprechendsten Bild, der kontroversesten Überschrift. Journalismus und das Bereitstellen von Information ist ein Markt, ein Buhlen um die Leser*in und Zuschauer*in.

Gewalt erzeugt immer Gegengewalt

Unbegreiflich ist aber die einseitige Fokussierung der Berichterstattung, aber auch die Statements und ‚Lösungsansätze‘ der Politiker*innen. Sie zielen auf Terrorabwehr, Flüchtlingsabwehr und weitere Abwehr-Mechanismen. Außerdem wird verzweifelt ein Schuldiger gesucht: Waren es die belgischen Sicherheitsbehörden? Sind es, wie Polen behauptet, die Länder des alten Europa, besonders Deutschland, das mit ‚Willkommenskultur‘  die Fluchtbewegung durch Flüchtlingsaufnahme erst ermöglicht hat? Sind es die anderen europäischen Länder, die keine Refugees aufnehmen?
Weshalb spricht niemand über die Fluchtursachen, wie den Bürgerkrieg in Syrien? Das Machtvakuum, das dort entstanden ist und erst dazu geführt hat, dass sich ein Dschihad in einer quasistaatlichen Form des IS organisieren kann?
Warum spricht niemand darüber, wie viel Deutschland und andere westlichen Staaten an den Kriegen der Welt qua Waffenexporten verdienen?

Politiker*innen wollen die Geldquellen des IS und des Terrorismus zum Versiegen bringen.  Der Profit, der aus Waffenlieferungen in dubiose Staaten geschlagen wird, ist allerdings selten Teil des Diskurses und wenn dann in Reden von Abgeordneten der Linken. Folglich nur erwähnenswert in linksangehauchten Medien der Berichterstattung wie taz, junge Welt oder die Nachdenkseiten.
Auf terroristische Gewalt mit Gegengewalt zu antworten, mag ein Weg sein. Sicherlich ist es nicht der richtige: Die Aufrüstung schraubt sich in die Höhe, die Spirale der Gewalt dreht sich weiter, Gewalt erzeugt Gegengewalt und andersherum. Der Krieg und die Waffenindustrie generieren Geld. Dieses landet sicherlich nicht in erster Linie beim IS, sondern bei den Rüstungsexporteuren. Deutschland steht in dieser Statistik weltweit auf Platz vier.

Der Feind und aktive Friedenspolitik

Ein Feind von außen ist praktisch. Es gibt ein klares Feindbild, das sich zur Not zu grausamen Terror-Monstern entmenschlichen lässt. Der Feind ist geographisch weit weg und er lässt sich als „das Andere“ kategorisieren. Dringen diese Feindbilder nun mit Guerillataktik in die Gesellschaft, in der man lebt und die notwendigerweise in Subjektivität eines jeden Systems „das Gute“ verkörpern muss, so sorgt das für Panik. Die Gewalt findet nicht mehr auf externem Territorium statt, irgendwo im Nahen Osten oder irgendwo in Afrika, sondern sie kodiert einen für uns primär nicht mit Gewalt besetzten Raum in einen Raum der Gewalt um.
Hinter diesem klar gezurrten Feindbild des von außerhalb kommenden, ausländischen Terroristen, können sich Kräfte, die den demokratischen Rechtsstaat zersetzen, gut verschanzen. Diese Rechtsstaat ist durch eine unbedingte, unantastbare Würde des Menschen definiert, hinter einem vorgeschützten „ich bin kein Nazi, aber“ wird versucht, Grundrechte auszuhöhlen beziehungsweise die Politiker*innen dazu zu drängen, dies für „besorgte Bürger“ zu tun, so wie es nun durch den Erdogan-Deal mit dem Grundrecht auf Asyl geschehen ist. Auch die Einteilung in „echte“ Flüchtlinge und „Wirtschaftsflüchtlinge“ ist ein menschenverachtendes Kategorisierungssystem, das die Welt binär aufteilen möchte: Echt, unecht, Freund, Feind, gut, schlecht, schwarz, weiß.
„Wir können aber doch nicht alle aufnehmen“, hört man immer wieder bei stammtischähnlichen Politgesprächen mündiger Bürger.
Die Symptombekämpfung, in der sich gegenwärtig alle ergehen, stellt eigentlich wieder nur jene Frage nach dem Warum? Warum fliehen Menschen? Krieg, Terrorismus, Verfolgung, Diskriminierung, schlechte Lebensbedingungen. Die Gründe mögen vielfältig sein. Die Ursachen liegen erstaunlich oft im Verteilungsproblem ökonomischer Güter, das auf jahrelanger, jahrhundertelanger Ausbeutung fußt. Stellvertreterkriege, Kampf um Vormachtstellungen in einer Region um Rohstoffe, Güter und Militärstützpunkte.
Die in den Gebieten lebende Bevölkerung? Störend, von Wert nur, wenn sie für eigene Interessen instrumentalisierbar bleibt.
Der Terror? Eine Form der Antwort. Eine extreme, eine menschenverachtende, ohne jede Moral, aber eine Antwort, eine Bilderstörung, ein Angstgenerator.

Wir sollten nicht so oft über Terror sprechen und über die „bösen“ Feinde, die Anderen. Eine konstruktive Friedenspolitik muss ganz oben auf die Agenda. Frieden bedeutet: (Atom-)Waffen vernichten. Keine neuen Waffen herstellen. An Arbeitsprogrammen feilen, um die, die in der Waffenindustrie tätig sind, anderweitig zu beschäftigen. Den Etat des Verteidigungsministeriums nicht um acht Milliarden bis 2020 erhöhen, wie jetzt geschehen. Bundeswehrwerbung, die mit coolem, ansprechenden Design neue, junge Rekruten anwirbt, überflüssig machen. Soldat*in ist kein Job wie jeder andere. Es ist ein Beruf, der für den Krieg gemacht ist, ihn am Leben hält und in dieser Kriegslogik funktioniert. Stärker auf diplomatische Lösungen setzen. Zu leidenschaftlichen Streiter*innen und Politiker*innen für den Frieden werden. Herrscht Frieden, verschwindet auch die Angst. Freiheit folgt dann.