Ob der mal fliegen konnte?

Die Villa der Propheten

Verrückte Börsianer, schießwütige Ministerien und Geldscheine auf Beinen. Medien auf Sinnsuche, Flüchtlinge und öffentliche Verstopfung: Journalisten, die das Münchener Ifo-Institut besuchen, erfahren so einiges. Sind Menschen Obst? Können Zahlen zaubern? Und darf ich den Wandteppich mitnehmen? Eine Safari.

Der Raum wurde um den runden Tisch herumgebaut. Es geht nicht anders. Wie soll die Tischplatte da sonst reingekommen sein? Durch die schmale Tür sicher nicht. Durch die Fenster auch nicht. An der Wand neben der Tür hängt ein Teppich mit Kreuzrittern drauf, an der Decke ein Kerzenleuchter, der auch in Geschäfte mit Namen wie ‚Kittys Kosmetiksalon‘ passen würde.

Ein Tisch und sein Raum

Wie ist der Tisch da reingekommen? (Fotos: Selle)

Aber der Raum, samt Tisch, Leuchter und Teppich, gehört zum Münchener Institut für Wirtschaftsforschung. Besser bekannt ist es unter dem Kürzel Ifo, nicht zu verwechseln mit UFO, was gut zum Tisch passen würde. Das Ifo gilt als gemeinnütziger Verein und einmal im Monat veröffentlicht es seinen Geschäftsklima-Index. Diese Zahlen sind die Trompete, zu deren Tröte die deutsche Konjunktur tanzt. Oder umgekehrt, da ist man sich uneinig. Jedenfalls bringt ihr Ton Wirtschaftsherzen aus dem Takt und verkündet die Richtung der Zukunft: Auf- oder abwärts. Und das hier ist der Tisch, an dem sie geschmiedet wird.

Schmierverbot

Das riffelige Holz erinnert an frühere Zeiten und mich überkommt der Impuls, mit meinem Kugelschreiber einen Penis darauf zu kritzeln. Aber so geht das nicht. Das hier ist eine seriöse Veranstaltung. Mein Kugelschreiber und ich sind hier, um von seriösen Menschen seriöse Dinge zu hören, seriöse Fragen zu stellen, seriös zu nicken und in ein seriöses schwarzes Notizbuch zu schreiben. Penisse auf Tische malen, das gehört in die Schule. Das Ifo wirkt eher wie ein gutbürgerliches Altersheim.

Das Ifo-Institut

Gutbürgerlicher Zahlentempel von außen

Wirtschaft ist eine Schaukel

Als alle sitzen, öffnet der Pressesprecher Harald Schultz seine Power-Point-Präsentation. Einblicke in das Allerheiligste sind gewiss. Mein Kugelschreiber tropft schon vor Aufregung. Schultz nennt den Index „das wichtigste Produkt des Ifo“. Bis zur Veröffentlichung ist es streng geheim: „Wir dürfen gar nichts sagen, sonst werden wir erschossen vom Wirtschaftsministerium“, scherzt Schultz.

Aktuelle Lage und Erwartungen

Viele viele bunte Linien!

7.000 Unternehmen werden für den Index befragt. Je größer die Firma, umso mehr zählt sie in der Rechnung. Am wichtigsten sind die Beurteilung der aktuellen Lage und die Erwartungen. Daraus errechnet das Ifo das volkswirtschaftliche ‚Klima‘.

Würde die Benotung an Schulen genauso laufen, wären die Unis um einiges leerer: Alle Noten namens ‚befriedigend‘ fallen in der Berechnung weg. Laut Schultz werden sie nicht mitgezählt. Gar nicht. So bleiben nur ‚gut‘ und ‚schlecht‘ übrig. Vereinfacht gesagt: Wenn sechs Unternehmen ihre aktuelle Lage und Zukunft als befriedigend einschätzen, eines als gut und drei als schlecht, wäre das Klima laut Ifo: Schlecht. „Was uns interessiert ist nicht, ob es so weitergeht wie es ist“, sagt Schultz dazu. Alles klar, schreibt mein Stift, Wirtschaft ist eine Schaukel.

Ist das geheim oder kann das weg?

Sinn als Prophet

Echt oder nicht?

Als Gegenleistung für ihre Offenheit erhalten die Unternehmen kein Geld vom Ifo. Aber etwas, das sich dazu machen lässt: Das Institut gibt ihnen anonymisierte Daten über ihre jeweilige Branche, also Informationen über die Konkurrenz. Selbstlos ist die Teilnahme folglich nicht. Aber sagen die Unternehmen auch die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit? „Man könnte die Ergebnisse verfälschen, wenn sich ein Kartell entwickeln würde“, so Schultz, „Aber das geht nicht, weil geheim ist, wen wir fragen.“ Die Runde diskutiert. Immerhin könnten die Unternehmer einander sagen, ob sie ausgewählt wurden. Sie könnten ihre Lage schlechter darstellen als sie ist, wenn ihre Branche gerade auf Subventionen hofft. Oder besser, um den Kurs zu stärken. Einige der anwesenden Journalisten zweifeln, ob das Prinzip vom Ifo funktioniert. Aber mein Kugelschreiber notiert, dass das Institut Recht hat. Wir wissen doch alle, dass Unternehmer nicht miteinander reden. Schon gar nicht per Telefon. Und Mails schreiben sie auch nicht.

Endiviensalat, Infektionstote und ein DAX

Sinn als Model

Dazu kommen wir später…

Die Frage, ob der Index eine Vorhersage ist, die sich selbst erfüllt, weil er die Wirtschaft so stark beeinflusst, verneint Schultz. Er begründet das mit der hohen Übereinstimmung zwischen den Vorhersagen des Ifo und der Wirklichkeit. Damit ist der Einwand der selbsterfüllenden Prophezeiung zwar nicht widerlegt, das macht aber nichts. „Wie man hier sieht, haben unsere Vorhersagen eine Korrelation mit dem Bruttoinlandsprodukt von 0,74. Es gibt nichts Besseres in Deutschland“, sagt Schultz und zeigt eine weitere Folie. Nun ist das mit der Korrelation so eine Sache. In diesem Fall heiße es, so Schultz, dass der Ifo-Index die Entwicklung der deutschen Wirtschaft zu 74 Prozent korrekt vorhersage. Die Zeit hat dazu eine gelungene Grafik vorgelegt. Dementsprechend könnte ich die Anzahl der Toten durch Infektionskrankheiten zu 98 Prozent korrekt vorhersagen, indem ich die geerntete Menge Endiviensalat zurate ziehe. Da beträgt die Korrelation nämlich sogar 0,98. Der Unterschied zwischen dem Ifo-Index und meiner Rechnung ist unter anderem, dass mein Endivien-Infektions-Experiment nicht den DAX oder den Wechselkurs von Dollar und Euro beeinflusst.

Viereckige Augen

Nach einer Pause wartet schon Gabriel Felbermayr am runden Tisch, mit der nächsten Präsentation. Im Internet steht, dass er am Ifo arbeitet und TTIP toll findet, sich aber mehr Transparenz wünscht. Im Gepäck hat er unter anderem die „Erfolgsgeschichte der Integration“: Eine Grafik, die zeigt, dass Menschen, die nach Deutschland einwandern, umso höheren Stundenlohn verdienen, je länger sie hier sind.

Stundenloehne von Migranten

“Erfolgsgeschichte der Integration”

Die Runde aus Journalisten und Felbermayr diskutiert über den Mindestlohn. Im Zusammenhang mit den vielen Menschen, die gerade nach Deutschland fliehen, wurde von Politikern wie Wirtschaftlern schon mehrmals vorgeschlagen, ihn zu pausieren. Selbstverständlich nur ganz kurz. Andere hingegen wollen ihn anheben. Felbermayr gehört zum ersten Lager, wird aber an die Wand geredet.

„Der Mindestlohn ist nicht das Problem“, sagt er schließlich. Vielmehr sei es der hohe Anteil der Analphabeten und Nicht-Ausgebildeten unter den Flüchtlingen. Vorschlag: Heißt das, wenn man die Leute ausbildet, hat sich das Problem erledigt? Felbermayr stimmt zu. Trotzdem sagt er später, es wäre gut, den „Niedriglohnsektor auszuweiten“. Weil ein Flüchtling lieber für fünf Euro die Stunde arbeiten solle und wolle, anstatt im Heim zu sitzen und den ganzen Tag Al-Jazeera zu gucken. Recht hat er. Wer zu viel glotzt, kriegt viereckige Augen, das hat meine Oma immer gesagt. Aber Felbermayr ist schon weiter. Er redet über den deutschen Gärtner, der vom Afghanen unterboten würde und seinen Job verlöre. Das sei ein Problem. Und es passt nicht zu dem, was er vorher gesagt hat. Sollen Flüchtlinge nun für fünf Euro die Stunde arbeiten, oder nicht? Felbermayr stört der Widerspruch nicht. Ausbildung als Lösung hat sich unter dem großen Tisch verlaufen und taucht nicht mehr auf.

Sinn als Laokoon

Laoko-Sinn und die bissige Eurofalle

Kalte Worte, kalte Klos

Die Leute am Ifo mögen das Wort „Humankapital“. Sie sagen es so oft, dass ich anfange, Geldscheine zu sehen, die Ringelreihe tanzen. Um die Vision zu bannen, male ich sie in mein seriöses schwarzes Notizbuch.

Humankapital

Humankapitaltanztheater

Die Banknoten sehen traurig aus. Das sollte man aber nicht überbewerten: Es geht auf Mittag zu und ich habe Hunger. Felbermayr redet von der „Verstopfung öffentlicher Güter“ und sagt Sätze wie: „Das kann man alles numerisch quantifizieren.“ Dann kommt: „Wir müssen das Beste aus den Menschen rausholen.“ Das Beste rausholen? Menschen sind doch kein Obst, schreibt mein Stift. Als ich Felbermayr das nächste Mal anschaue, muss ich blinzeln. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sein Kopf aus wie eine saftige Honigmelone mit Brille. Was natürlich Quatsch ist. Honigmelonen haben keine Nasen. Eine Brille würde da sofort runterfallen.

Bauch-Beine-Po

Und eins -- und zwei -- und drei- und …

Um nicht in das Loch in meinem Magen gesaugt zu werden und dabei die ganze Gesellschaft mitzureißen, mache ich einen kurzen Spaziergang zur Toilette. Und wünsche mir, ich hätte den Wandteppich als Decke mitgenommen: Die Heizung ist aus, das Fenster steht offen. Und das bei etwa fünf Grad Außentemperatur. Ob das gut ist für die Produktivität des Humankapitals am Ifo? Wenigstens kann man sich mit Übungen warmhalten. Ein nacktes schwarzes Strichmännchen mit wohldefinierten Oberschenkeln zeigt, wie es geht. Netter Sticker über dem Klo, Bauch-Beine-Po für Wirtschaftswissenschaftler.

Ein Prophet geht

Sinn als Kapitän Ahab

Hoffentlich nicht seekrank, der kleine Wolverin

Der Leiter des Ifo-Instituts ist Hans-Werner Sinn. Er gehört zu den bekanntesten Ökonomen Deutschlands und sieht aus als wäre er dem 19. Jahrhundert weggelaufen. Manchmal klingt er auch so. Pressesprecher Schultz teilt einen gefälschten ‚The Economist‘ aus. Das Heft ist dünn und thematisch einseitig. Man blättert sich so durch: Sinn als heiliger Prophet, Sinn als Werbemodel, Sinn als Rockstar, als Priester Laokoon und Kapitän Ahab aus Moby Dick. Laut Schultz hat das ein befreundeter Journalist gemacht. Als Gefallen, weil Sinn bald in den Ruhestand geht. Irgendwie bin ich jetzt doch froh, dass ich noch nichts gegessen habe. Ein wenig Recherche bringt allerdings Erleichterung: Das Heftchen hat kein Journalist gemacht. Es waren zwei Ifo-Mitarbeiter.

Fuest Will Sinn

Leider kommt Sinn selbst nicht auf einen Plausch vorbei. Vielleicht ist er zu beschäftigt, um mit uns zu reden. Vielleicht schreibt er gerade eine Absage an die Moderatorin Anne Will. Laut Pressesprecher Schultz macht er das öfters. „Die Medien rufen an und wollen nur Sinn haben“, sagt er. Ich hoffe, Will lässt sich davon nicht entmutigen. Immerhin hat Sinn den Job nicht mehr lange, nur noch bis Ende März.

Sinn als Rockstar

Ok.

Sein Nachfolger Clemens Fuest wird bestimmt gerne kommen. Damit die Leute ihn kennenlernen. Denn politischer Einfluss ist dem Institut sehr wichtig und wenn Politiker sich nicht beeinflussen lassen wollen, muss öffentlicher Druck her. Den erzeugt nur, wer Rang und Namen hat und von vielen Menschen unterstützt wird. Talkshows sind da äußerst praktisch und Fuest hat sie nötig: Er ist in Deutschland in etwa so bekannt wie der Unterschied zwischen Udmurten und Kabardinern. Das sind ethnische Volksgruppen in Russland. Und ja, ich musste sie googeln. Laut Pressesprecher Schultz ist Fuest „runder als Sinn“ und für die ersten Monate in seiner neuen Position bereits ausgebucht. Aber Anne Will kann er bestimmt noch dazwischen schieben.

Gib mir den Teppich!

Ifo-Kantine

Fütterungszeit

Am Ende der Präsentationen ist mein Kugelschreiber müde. Ich sollte lieber vorsichtig sein, sonst verlangt er demnächst noch Elternzeit und Altersvorsorge. Aber was soll’s, wenn er aufmuckt, ersetze ich ihn einfach durch einen afghanischen. Die sind billiger. Bei meinen Kugelschreibern bin ich da sehr konsequent: Wer streikt, landet im Müll. Jetzt stecke ich ihn aber doch weg, denn es ist endlich Fütterungszeit: Brötchen und Butterbrezeln für hungrige Journalisten. Adé schöner Wandteppich! Ich wollte, ich könnte dich mitnehmen. Aber die Ritter würden hier fehlen, sie müssen das Abendland verteidigen und haben keine Zeit, in meiner Küche abzuhängen. In der Ifo-Kantine muss man seine Teller übrigens nicht selbst wegräumen. Das machen andere. Schade nur, dass sie sich nicht blicken lassen: Ich hätte gerne mal rumgefragt, wie sie ihre Arbeit finden. Ob sie mehr als den Mindestlohn bekommen. Und ob sie hin und wieder Al-Jazeera gucken.