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„Es geht ums nackte Überleben“ – Der Irak zerfällt

Experten und Journalisten im Nahen Osten waren nicht überrascht, als die Terrormiliz Islamischer Staat im Sommer 2014 in den Irak einfiel und mehrere Städte an sich riss -- als hätte die irakische Armee dem IS einfach das Feld überlassen. Doch wie haben die irakischen Streitkräfte tatsächlich auf die Gewalt der Terrormiliz reagiert? Und was bedeutet der Krieg für die Zukunft des Landes?

Foto: Wikipedia

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Ein Teil der Antwort auf diese Fragen liegt sieben Jahre zurück. Damals wurde Bucca aufgelöste, das größte Gefängnis der amerikanischen und britischen Besatzung im Süden des Irak. Hinter den Gefängnis-Mauern entstand die Idee des IS. „Da saßen die Größen vom IS, Saddam-Loyalisten, Ex-Offiziere der irakischen Armee und der Schiiten alle im Knast“, zählt Birgit Svensson auf. Die Journalistin lebt seit zwölf Jahren in Bagdad. Sie sagt: „Alles begann in Bucca und alles begann im Irak“.

Die sunnitische Bevölkerung im Irak rebellierte gegen die schiitische Regierung von Nuri al-Maliki. Dann, im Januar 2014, griff die Terrormiliz IS in das irakische Chaos ein: Erst übernahm der IS Falludscha in der sunnitischen Provinz al-Anbar. Im Mai folgte Ramadi, im Juni Mossul und Tikrit. Viele irakische Soldaten desertierten. Wieso war die Armee nicht stark genug, sich gegen die Miliz zu wehren?

Eine schwache Armee
Bei den Kämpfen traf es die Iraker schwer. Allein schon bei der Verteidigung Mossuls fielen 1.000 Soldaten. In der Nähe von Tikrit wurden etwa 650 bis 770 Kadetten von IS Kämpfern erschossen. So schreibt es das Heidelberger Institut für Konfliktforschung im Conflict Barometer.

Das Bild, die irakischen Streitkräfte hätten versagt, verstärken Süddeutsche Zeitung, Welt und Taz zur selben Zeit mit ihrer Berichterstattung. Das ergibt eine Inhaltsanalyse von 199 Artikeln im Sommer 2014: In zwei Dritteln der Artikel wird die irakische Armee negativ dargestellt. Die Datenlage ist mit 36 Artikeln, in denen die irakische Arme im Vordergrund steht zwar dünn, doch der Tenor ist deutlich.

Ein möglicher Grund für die hohen Verluste auf irakischer Seite ist die junge Armee. Es fehlte an Rekruten, weil Der US-Administrator Paul Bremer 2003 das gesamte Militär aufgelöst hatte. Heute sind die Soldaten keine 30 Jahre alt und schon Kommandeure. “Das Pentagon sagte schon damals”, erinnert sich Journalistin Svensson, “dass die Ausbildung völlig unzulänglich ist.” Die irakische Armee hatte weder eine effektive Luftabwehr noch eine gute Luftwaffe.

Svensson kennt Telefonprotokolle der irakischen Regierung, in denen eins besonders deutlich wird: Es gab keine eindeutigen Befehle. Die Kämpfe in Mossul überforderten die Armee. Und noch eins kam dazu, sagt Svensson: “der damalige Premier al-Maliki gab selber den Befehl zum Rückzug aus Mossul.“ Es gibt Hinweise, dass Maliki eine Schlüsselfigur beim Erstarken des IS gespielt hat.

Ein Grund dafür liegt in seiner sektiererischen Politik, durch die Maliki Sunniten und Schiiten gegeneinander aufhetzt. Im August 2014 trat der Premier zurück. Das Chaos regiert weiter.

Eine Armee ohne Rückhalt Svensson weiß von 28 schiitischen Milizen im Irak, die mächtiger werden. Die irakische Armee hingegen ist von der Unterstützung anderer abhängig. Der Zusammenschluss mit regierungstreuen sunnitischen Stammeskämpfern, schiitischen Freiwilligen, der Einsatz der kurdischen Peschmerga im Nordirak und die Luftangriffe der internationalen Koalition gegen den IS, hat der Armee zu neuer Stärke geholfen (Conflict Barometer, 2014).

eigene Darstellung über die Quellenstruktur der Berichterstattung, zur Einschätzung der Konfliktparteien im Syrienkrieg

eigene Darstellung über die Quellenstruktur der Berichterstattung, zur Einschätzung der Konfliktparteien im Syrienkrieg

Das zeigt sich auch in der Inhaltsanalyse. In 16 von 20 Artikeln spielt die militärische Unterstützung der irakischen Armee eine Rolle. In zehn von 17 Artikeln wird sogar von Erfolgen und nur in der Hälfte von einer Niederlage gesprochen. Dabei stützen sich die Berichte der SZ, Welt und Taz allerdings vor allem auf andere Medien oder Angaben der irakischen Regierung sowie der Armee selbst (s. Grafik). Auch Svensson sagt, die Kommandostrukturen würden nun klarer. Trotzdem bleibt die Lage undurchsichtig, die Kooperationen der Konfliktparteien sind von Provinz zu Provinz unterschiedlich.

Dazu kommt, dass die Kämpfe im Jahr 2014 die irakischen Soldaten zermürbt hat. Das erlebte Birgit Svensson im Gespräch mit Deserteuren. Die Deserteure fragten sich, so Svensson, wofür sie kämpfen sollen: „Für ein Land, das de facto schon zerfallen ist? Für ein Kommando, was wir nicht nachvollziehen können? Oder für die Amerikaner, die uns mit Luftangriffen unsere Häuser zerstören?“.

Seit die USA bei der Zurückeroberung von Ramadi gemeinsam mit sunnitischen Stammeskämpfern intervenieren, erlebt die Journalistin die Moral als leicht gestärkt. Doch der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten besteht weiterhin und wird zusätzlich vom IS befeuert.

Ein zerfallenes Land
Die Bevölkerung steht nicht hinter ihrer Armee, sondern befürwortet teilweise die Terrormiliz. „Wenn die Leute meinen, dass sie unter dem IS besser leben können als unter dem Chaos, was sonst herrschen würde, dann wird es schwierig werden“, sagt Svensson über das gemeinsame Ziel der Kriegsparteien, den IS aus dem Irak zu vertreiben. Ihrer Einschätzung nach ist seit 2014 relativ wenig Fläche zurückerobert worden. Die rohe Gewalt schreckt die irakischen Bürger zwar ab, doch sie erhoffen sich von der Terrormiliz eine funktionierende Infrastruktur. „Die Menschen wägen ab. Es geht da ums nackte Überleben“, sagt Svensson.

Viele haben den Überlebenskampf schon verloren. Allein im Jahr 2014 flohen 2,75 Millionen Menschen aus ihrer Heimat und 12.282 Zivilisten wurden UNO-Berichten zufolge bei den Kämpfen getötet. Die Heidelberger Wissenschaftler sprechen „vom schlimmsten Jahr für Zivilisten im Irak seit 2008“. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Birgit Svensson. In ihren Augen sieht die Zukunft des Irak düster aus. Eine Einheit des Landes sei nicht zu erwarten. Selbst wenn es gelingen sollte den IS zu besiegen, bleiben die Spannungen im eigenen Land, die Machtansprüche der schiitischen Milizen. „Die Frage ist heute nicht mehr, ob der Irak zerfällt, sondern wie der Irak zerfällt”.   Hier findet Ihr unsere Analysen zum islamischen Staat, der syrischen und irakischen Kurden, der syrischen Armee und der internationalen Koalition. Quellen: Conflict Barometer 2014, Aussagen von Birgit Svensson, eigene Datenerhebung über eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung der Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Welt und TAZ im Sommer 2014. zurück zur Karte Datenschlacht in Syrien