Die gespaltenen Kurden im Kampf gegen den IS

Die gespaltenen Kurden im Kampf gegen den IS

Die kurdischen Einheiten, die seit Aufkommen des islamischen Staats in massive Kampfhandlungen verwickelt wurden, haben sich im Kampf vereint. Auf syrischer Seite haben die YPG und ihre Volksverteidigungskräfte selbst verwaltete Gebiete, die es zu schützen gilt. Im Irak verteidigt die institutionelle Armee der Peschmerga die großen Städte im Norden des Landes. Doch wie ist ihr Kampf verlaufen? Haben wir durch die großen Tageszeitungen Süddeutsche, Welt und TAZ ein objektives Bild erhalten? Darüber sollten wir sprechen. Um das herauszufinden, haben wir uns mit der wissenschaftlichen Einschätzung der Kurden beschäftigt. Außerdem haben wir mit dem ehrenamtlichen Kriegsberichterstatter Enno Lenze gesprochen, der mehrfach bei der Peschmerga im Irak war und einiges zu berichten hat.

Zur Einordnung: Im Bürgerkrieg im Irak und in Syrien gibt es zwei verschiedene kurdische Kriegsparteien. Auf syrischer Seite kämpfen die Volksverteidigungskräfte der YPG, die ideologisch nahe an der kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei angesiedelt sind. Sie verteidigen im Norden des Landes mehrere zum Teil zusammenhängende Gebiete und verwalten diese eigenständig und basisdemokratisch. Auf irakischer Seite hat die kurdische Bevölkerung eine in der irakischen Verfassung verankerte Sonderstellung, die ihnen erlaubt eine eigene Armee zu unterhalten. Die Peschmerga. Sie ist 150.000 Mann stark und wird durch internationale Partner aus dem Westen vielfältig unterstützt.

Einordnung der Gruppen bzgl. der eingeschätzten militärischen Stärke

Einordnung der Gruppen bzgl. der eingeschätzten militärischen Stärke

Eine mediale Bestandsaufnahme

Zunächst zur Bestandsaufnahme unserer untersuchten Zeitungen. Gerade als der Islamische Staat seinen Siegesfeldzug durch das von Kriegen gebeutelte Land Irak begann, jagte in der deutschen Medienwelt eine Schreckensnachricht die Nächste. Doch nur in 22 von 200 untersuchten Artikeln, die sich mit dem Krieg in Syrien und dem Irak beschäftigen, widmeten sich die Journalisten den kurdischen Einheiten. Damit sind sie deutlich unterrepräsentiert. Allerdings werden sie mehrheitlich positiv dargestellt, wobei auch die Einschätzung zur Kampfkraft ein Erstarken der Truppen vermuten lässt. Diese Einschätzung der untersuchten Medien folgt dabei den Ereignissen zu der Zeit, da gerade die irakische Armee große Gebietsverluste hinnehmen musste, die Peschmerga jedoch die Stadt Kirkuk einnehmen konnte. Diese Stadt, die schon lange Zankapfel zwischen der kurdischen Autonomieregierung (KRG) und der irakischen Regierung ist, wäre ohne den Einmarsch der Peschmerga in die Hände des IS gefallen. Die irakische Armee befand sich in einem Auflösungsprozess.

Das schlägt sich auch in der Berichterstattung im Untersuchungszeitraum nieder, da in den 22 Artikeln über kurdische Einheiten 11 Mal militärische Erfolge erwähnt werden. Da es uns vor allem auch darum ging, wie in den Artikeln mit Daten umgegangen wurde, haben wir auch das untersucht, und konnten feststellen, dass mehrheitlich Angaben zu Truppenstärke, Waffengattungen und -ausstattung, sowie zu Todesopfer auf der Gegenseite gemacht wurden. Verluste auf Seiten kurdischer Einheiten wurden lediglich in einem Fall erwähnt. Auch die internationale Unterstützung, mehrheitlich militärischer Art, wurde häufig genannt. Das geht einher mit der damals noch im Bundestage geführten Debatte über Waffenlieferungen an die Peschmerga, die schließlich mit deutschen MILAN-Raketenwerfern ausgestattet wurden.

Das Bild, das wir aus den untersuchten Medien konstruieren können, beschreibt die kurdischen Einheiten als eine militärisch starke Kampftruppe, die dank internationaler Hilfe erfolgreich gegen den Islamischen Staat vorgehen und durch ihre Erfolg an Macht in der Region gewinnen. Gerade im Vergleich mit anderen Truppen, die in Syrien und im Irak den IS bekämpfen, schneiden sie sehr gut ab, sind aber dennoch stark unterrepräsentiert.

Was sagt die Wissenschaft

Foto: Enno Lenze

Foto: Enno Lenze

Nun gilt es allerdings, dieses Bild, das uns unsere intensive Zeitungslektüre vermittelt hat, mit der wissenschaftlichen Einschätzung der Geschehnisse in diesem unübersichtlichen Krieg, konform geht. Als Grundlage dient uns das “Conflict Barometer 2014″ vom “Heidelberg Institute for international conflict research”. Hier werden die Kampfhandlungen dezidiert gesammelt, die politischen und militärischen Koalitionen dargestellt und die Ergebnisse zu einem Index für die Stärke der Truppe gegenüber dem Jahr zuvor zusammengefasst. Laut diesem Index stehen die kurdischen Einheiten in einem offenen Krieg mit dem IS. Die syrischen Kurden der YPG haben außerdem gewaltsame Auseinandersetzungen mit der syrischen Armee und islamistischen Oppositionsgruppen. Auch im “Conflict Barometer” wird der Einnahme der Stadt Kirkuk als großer Erfolg gewertet.

Allerdings, und das ist der große Unterschied zur Darstellung in SZ, Welt und TAZ, wird der Kampf der Peschmerga im Irak, sowie auch der YPG in Syrien als zermürbender Kampf dargestellt. Hierbei sind es vor allem die Verluste in den vielen Kampfhandlungen, die in den Zeitungen kaum Erwähnung finden. Trotzdem sind die Verluste der IS-Terrormiliz deutlich höher als die der Peschmerga.

Im Anschluss an den Einmarsch in Kirkuk, begann die KRG (Kurdish Region Government) aus der ölreichen Provinz Öl in die Türkei zu verkaufen. Das steht ihr laut irakischer Verfassung allerdings nicht zu und birgt großes Konfliktpotenzial und sorgte für politischen Stillstand.

„Auf militärischer Ebene dagegen kooperieren kurdische Peschmerga Einheiten mit der irakischen Armee gegen den Vormarsch des islamischen Staates (IS).“ S. 157

Die großen Erfolge, vor allem der Peschmerga, zum Beispiel im Kampf um die Stadt Shingal, werden im “Conflict Barometer” positiv erwähnt und verstärken das Bild der siegreichen Truppen. Für den Kampf in Syrien werden allerdings immer wieder auch zivile und militärische Verluste erwähnt, die den schwierigen Kampf gegen die immens starke Terrormiliz verdeutlichen.

“Am 29. Mai entführte der IS 153 kurdische Kinder aus der Stadt Kobane.” S. 167

Ein Augenzeugenbericht

Foto: Jan Grewe

Foto: Jan Grewe

Enno Lenze ist Geschäftsführer des Storybunker Berlin, dem “Berlin Story Verlag” zu dem auch ein Gruselkabinett gehört und ist seit 1998 Mitglied im “Chaos Computer Club“. Mit guten Kontakten und großem Interesse war Enno Lenze 2014 und 2015 mehrfach im Irak und hat die kurdischen Kämpfer bei ihren Einsätzen an der Front begleitet. Er hat Gespräche mit führenden Politiker geführt und konnte tiefe Einblicke in die militärischen Strukturen der kurdischen Einheiten gewinnen.

Für uns soll er die Einheiten der Peschmerga einschätzen, uns einen Entwicklungsverlauf geben und das Verhältnis zur syrischen YPG erklären. In seinen Augen hat sich vor allem zu Beginn der Kampfhandlungen mit dem IS gezeigt, dass die Peschmerga zwar eine hohe Truppenstärke besaß, mit treuen Soldaten, die nicht, wie die Soldaten der irakischen Armee massenhaft geflohen sind. Allerdings traten doch die erheblichen Mängel in der Ausbildung und auch in der Ausstattung zu Tage.

„Der riesige Mehrwert der Peschmerga ist zu Beginn der Kampfhandlungen ihre Kampfmoral gewesen, denn beim Aufkommen des IS wurde ein große Zahl Kämpfer herangezogen, die kaum Kampferfahrung hatten und deren mäßige Ausbildung auch nicht mit der Grundausbildung z.B. bei der Bundeswehr vergleichbar ist. Dazu kam eine sehr schlechte Ausstattung, die aus alten Beständen, zum Teil auch der USA, zusammengesammelt wurde.“ - Enno Lenze

Auch hatte die Peschmerga kaum gepanzerte Fahrzeuge. All das erschwerte die taktische Kriegsführung, so Lenze, denn die meisten Aktionen fanden im Kleinen statt, bei einer Armee zur Landesverteidigung sehr großes Manko.

„Auch die taktischen Strukturen waren wenig ausgereift. Da findet immer eher ein Mikromanagment statt, bei dem man immer nur ein paar Dörfer einnimmt. Die größten Operationen, die sie dann gemacht haben, waren mit fünf bis sechs Tausend Mann, was bei einer Gesamttruppenstärke von einhundertfünfzig Tausend Mann nicht viel ist.“ - Enno Lenze

Auffällig war laut Enno Lenze auch die Kampfschwäche der IS-Milizen, die mit ihrer Bereitschaft zu sterben, ihrer schlechten Ausbildung und ideologischen Radikalität allzu oft ein leichtes Ziel boten und gegen die Peschmerga große Verluste erlitten. Das hat vor allem in der Führung des IS dafür gesorgt, dass aufgrund der Einschätzung der Peschmerga als gefährlicher und starker Gegner, die Offensiven abnahmen. Ein großes Glück für die Peschmerga.

„Dagegen stehen die Peschmerga, die sich zum Einen nicht erschießen lassen wollen, aber zum Anderen auch nicht richtig gut kämpfen. Durch ihre Kampfmoral haben sie dem IS gezeigt, dass sie ein starker Feind sind und dass man nicht gegen sie vorgehen kann.“ -- Enno Lenze

Für die weitere Entwicklung im Kampf haben sich westliche Regierungen entschlossen, die irakischen Kurden mit Luftschlägen und Waffenlieferungen zu unterstützen. Waffenlieferungen gab es zunächst aus Italien, Österreich, den USA und der Türkei. Ende August 2014 lieferte auch Deutschland gepanzerte Fahrzeuge und den Raketenwerfer MILAN an die Peschmerga. Ab diesem Zeitpunkt verbesserte sich die Situation an der Front enorm, so Lenze, da auch Ausbilder aus den USA und Deutschland die Einheiten verbesserten. Die KRG (Kurdish Regional Government) entschloss sich, auch aus den anfänglichen Erfahrungen mit den jungen Soldaten ohne Kampferfahrung, altgediente Kämpfer aus der Ära Sadam Husseins einzuziehen und die Einheiten zu mischen. Die Lernkurve ist laut Enno Lenze sehr steil gewesen.

„Deutlich hat sich die starke Verbesserung der Kampfeinheiten bei der Dezemberoffensive 2014 gezeigt, bei der große Teile der Niniweprovinz von der Peschmerga zurückerobert wurden. Und da hat man gesehen, wie schnell das geht, mit den aufgestockten Mitteln.“ -- Enno Lenze

Für das Verhältnis zur YPG war die Dezemberoffensive entscheidend, denn von gar keiner Kooperation, kam man nun zur militärischen Kooperation. So halfen die YPG Einheiten bei der Befreiung eingeschlossenen Jesiden im Sindschar Gebirge und bei der Befreiung der Stadt Shingal. Auf der anderen Seite halfen die Peschmerga bei der Verteidigung der Stadt Kobane in Nordsyrien. Die ideologischen Gräben haben sich dadurch jedoch nicht verändert. Die militärische Kooperation allerdings macht beide Gruppen stärker.

„Die Probleme treten auf, wenn es um Prestige geht und damit quasi um die Politik geht. Wer also am Ende seine Flagge auf dem Silo hat. Denn keiner gönnt dem anderen den Erfolg. Die ideologischen Gräben sind dafür zu groß.“

Foto: Enno Lenze

Foto: Enno Lenze

Was halten wir fest?

Die Kurden sind stark. Sie sind militärisch erfolgreich, truppenstark und moralisch gefestigt. Sie werden international unterstützt und ausgestattet. Zu unserem Untersuchungszeitraum jedoch, waren die kurdischen Einheiten schwach und mussten zum Teil hohe Verluste hinnehmen. Das deckt sich mit der Berichterstattung in SZ, Welt und TAZ nicht ganz. In den ohnehin wenigen Erwähnungen kurdischer Einheiten werden mehrheitlich Erfolgsmeldungen verkündet. Eine Falschdarstellung bezüglich der Motive zu kämpfen lässt sich nicht feststellen. Moralisch gefestigte Kämpfer verteidigen ihr Land gegen radikale, grausame Extremisten. Jedoch ist auch die Einschätzung der Medien zum Untersuchungszeitraum zur militärischen Ausbildung und der Kampffähigkeiten eher positiv dargestellt. Hier scheint eine Diskrepanz zu entstehen zwischen unserem Experten Enno Lenze und der Berichterstattung.

Allerdings berichten die Journalisten in der Mehrheit der Fälle nicht vor Ort. Wir konnten nur drei Aussagen finden, die von Journalisten vor Ort stammen. Dagegen mehrheitlich Aussagen, die aus fremden Medien stammen oder von Journalisten, die nicht vor Ort waren. Das kann uns auch Enno Lenze feststellen. Er formuliert es nur anders.

„Fast niemand von den Leuten, die da schreiben, war je dort. Und an Details merkt man, dass sie zum Teil über Sachen schreiben, die sie nicht gesehen haben.“ -- Enno Lenze

Klare Aussagen über die Berichterstattung der SZ, der Welt und der TAZ können und wollen wir allerdings gar nicht tätigen, da wir über den Gesamtverlauf des Krieges keine Untersuchungseinheiten gebildet haben und da auch die Anzahl der Artikel über Kurden zu gering ist, als dass sich daraus ein Gesamtbild rekonstruieren ließe. Einen tiefen Eindruck konnten wir dennoch gewinnen.

Hier findet Ihr unsere Analysen zum islamischen Staat, der Irakischen Armee, der syrischen Armee und der internationalen Koalition.

Quellen: Conflict Barometer 2014, Aussagen von Birgit Svensson, eigene Datenerhebung über eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung der Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Welt und TAZ im Sommer 2014.

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