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Die Bildsprache der Gewalt – Der islamische Staat

Wenn Realität auf Medienberichterstattung trifft ist eins klar: Der Islamische Staat hat längst verstanden, wie er seinen Nachrichtenwert hochhalten kann und dadurch seine Ideologie auf die ersten Seiten der Presse überträgt. Denn eine einzelne Enthauptung ist weit spektakulärer als zahlreiche Tötungen nach einem Bombenanschlag des Assad-Regimes. Der IS hat gelernt die Sprache der Medien zu sprechen und nutzt dies zu seinem Vorteil im Syrien-Konflikt. Doch welche Rolle hat der IS tatsächlich in den mittlerweile schwer durchschaubaren Entwicklungen im Nahen Osten?

Ein Ableger der Al-Qaida wird zum Islamischen Staat

Seit dem Ausruf des Kalifats im Juni 2014 ist die Terrororganisation spätestens unter dem Namen „Islamischer Staat“ bekannt. Aber was ist eigentlich der Islamische Staat? Ein Kalifat, der Kopf verschiedener dschihadistischer Gruppierungen, eine Terrororganisation, eine Konfliktpartei unter vielen im Syrienkrieg. All diese Umschreibungen werden in den Medien verwendet, und sind auch weitestgehend zutreffend. Doch ganz nachvollziehbar, mit wem wir es eigentlich zu tun haben, wird es nicht. Das liegt mit unter bereits an der Namensgebung – selbstverschuldet und fremdkreiert. War die Gruppe noch in ihren Anfängen ein Teil der Terrororganisation Al-Qaida, nannten sie sich später selbstständig der Islamische Staat im Irak (ISI), in Irak und Syrien (ISIS, ISIL) und schließlich nur noch der Islamische Staat (IS). In der aktuellen Berichterstattung wird wiederum häufig von „Daesch“ gesprochen. Dies bedeutet ebenfalls der Islamische Staat in Irak und Levante (Großsyrien), ist aber eine Strategie, der eigenen Namensgebung der Organisation zu entkommen und der Bezeichnung keine Macht zu verleihen. Macht, die sich alleine durch einen Namen ergibt, der einen vermeintlich globalen Anspruch ausdrücken soll.

Militärische Stärke versus Schock-Taktik

Enthauptung

Quelle: Youtube-Video

Eine der größten Stärken des IS ist wohl sein Ruf und die damit verbundene Macht. „Der große Unterschied vom IS zu allen anderen Gruppierung ist ja, dass er als einziger mit seinen grausamen Taten wirkliche Propaganda macht“, so Dr. David Arn, Islamwissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es ist nicht zu leugnen, dass der IS eine wesentliche Rolle im Syrien-Konflikt spielt und von den Unruhen mit Beginn des arabischen Frühlings profitiert, sich stärken und ausbreiten konnte. Es wird jedoch von einer Macht gesprochen, deren Wurzeln genauer betrachtet werden sollten.

Mit einer Inhaltsanalyse von 199 Artikeln deutscher Leitmedien konnten wir feststellen, dass die Berichterstattung über den IS (76 Artikel mit Fokus auf den IS) in mehr als der Hälfte der Fälle eine Einschätzung der Gruppe in Richtung stark beziehungsweise stärker vornimmt. Hinzukommt, dass die Organisation deutlich überwiegend als negativ bewertet wird. Auch die Angaben des „Conflict Barometer“ des Heidelberger Instituts für internationale Konfliktforschung im Jahr 2014 stimmen mit dieser Einschätzung überein. Das ist bei der damaligen Lage nicht verwunderlich, denn im Zeitraum Mai bis Juni 2014 hatte der IS wichtige Städte, wie Mossul im Irak, erobert und anschließend sein Kalifat ausgerufen. Zu klären ist jedoch, woher die Macht des IS kommt. Hinsichtlich der militärischen Kraft kommen verschiedene wissenschaftliche Quellen zu einer einheitlichen Einschätzung: Der IS verfügt verhältnismäßig über weniger militärische Ausrüstung als es in der Berichterstattung scheint. Es wird ein verzerrtes Bild vermittelt, bei dem tatsächliche militärische Stärke mit den ausgeübten Anschlägen gleichgesetzt wird. Hat die Organisation auch mit der Übernahme der Ausrüstung der irakischen Armee in großer Menge modernstes amerikanisches Waffenmaterial erobert, so sind es Selbstmord-Anschläge, welche die zahlenmäßig größten Todesopfer fordern.

„Der Angriff per Selbstmord-Attentat, vermutet man, ist die wirksamste Waffe des Islamischen Staates. Es ist eine Schock-Taktik.“ -- Dr. David Arn

Der Islamische Staat als Quelle

Das Bild vom Islamischen Staat und die Wahrnehmung der Organisation als übermächtig wird durch eine weitere Taktik gestützt: Ein spezifischer Datenbezug. Die Mehrzahl der untersuchten Artikel veröffentlicht konkrete Daten. Diese beziehen sich meistens auf den militärischen Charakter des IS, auf seine Truppengröße oder auf Todesopfer, die durch Kämpfer verursacht wurden. In allein 36 von 52 Artikeln wird die Anzahl an Todesopfern genannt. Zusätzlich werden häufig in Kombination mit Todesopfern auch territoriale Eroberungen in der Berichterstattung von TAZ, Welt und SZ erwähnt. Die dominierende datenbasierte Kopplung ist die Nennung des militärischen Charakters der Gruppe, verursachte Todesopfer sowie territoriale Eroberungen. Fraglich ist, woher diese Daten eigentlich kommen. Es fällt auf, dass in der Berichterstattung häufig absolute Zahlen verwendet werden. David Arn findet dafür eine klare Ursache. Es sei der Islamische Staat selbst, der fortlaufend zahlenbasierte Eilmeldungen herausgebe, welche dann in die Berichterstattung einfließen.

„Der IS gibt intern eine Art Jahresstatistik heraus, von der allerdings nicht alle Bände öffentlich gemacht wurden. Dort wird aber jeder Anschlag, sei es Selbstmord-Attentat oder Bomben an der Straße sowie jede Geldzahlung minutiös mit Zahlen belegt“ -- Dr. David Arn

Daqib

Quelle: “Dabiq” Magazin-Cover des Islamischen Staats, 2. Ausgabe

Wird die Quelle der Angaben untersucht, beziehen sich die Medien überwiegend auf Angaben (anderer) Medien, auf Non-Profit Organisationen oder auf die involvierte Kriegspartei. Auch diese Dreier-Konstellation scheint nicht überraschend. Wird der IS nicht selbst als Primärquelle genannt, stützen sich die Medien unter anderem auf die Organisation „Syrien Observatory for Human Rights“, welche als Hauptquelle im Syrien-Konflikt dient. Sind diese besser vernetzt und näher am Geschehen, ist immer noch nicht völlig transparent woher deren Daten stammen. Im Falle des Islamischen Staates ist es naheliegend, dass die detaillierten Angaben von der Organisation selbst gemacht werden. Dieser bietet den Lesern nämlich verschiedene Quellen an. Darunter auch das Magazin “Dabiq”, indem er seine Ideologie mittlerweile in mehreren Sprachen propagiert.

„Das muss nicht heißen, dass man im Einzelfall immer die Zahlen des IS nennt, aber man hat diese Tendenz.“ -- Dr. David Arn

Zahlen, die die Propaganda und die psychologische Kriegsführung der Dschihadisten stützen und den Anschlägen des Islamischen Staates eine absolute Größe verleihen.

Sensationsgier der Medien

Werden alle untergestellten Organisationen mit einbezogen, ist der Islamische Staat durchaus die größte Terrororganisation im vergangen Jahr gewesen. Auch wenn die rein militärische Stärke nicht jene der anderen Konfliktparteien übersteigt. Sein Erfindungsreichtum, die Grausamkeit des Vorgehens sowie seine verschiedenen Einnahmequellen sind nicht zu unterschätzen. Besonders Regionen, in denen eine sunnitische Mehrheit gekoppelt mit politischer Instabilität herrscht, bieten einen fruchtbaren Nährboden für die Terrororganisation. Allerdings hat sich gezeigt, dass die Stärke des Islamischen Staates im Vergleich zu den anderen Konfliktparteien die Visualisierung und die damit einhergehende Wirkung ist. „Der Islamische Staat möchte ganz bewusst Angst in der Region und in Europa verbreiten“, schlussfolgert Arn.

„Man darf sich allerdings nicht blenden lassen, denn die Videos des IS werden natürlich zur Einschüchterung der Gegner produziert.“ -- Dr. David Arn

Dabiq auszug

Quelle: Auszug aus “Dabiq” Magazin, erste Ausgabe

Eine Einschüchterung die ihren Weg in die deutschen Medien gefunden hat. Terror und Medien gehen eine ungesunde Koalition ein und der Islamische Staat profitiert nicht nur davon, sondern nährt diese durch penible Datenangaben. Bei grausamen Attentaten ist es schwierig, dieser Logik nicht zu folgen und nicht darüber zu berichten. Es sollte jedoch zwischen der Befriedigung der Sensationsgier der Medien und der tatsächlichen militärischen Bedrohung durch den Islamischen Staat differenziert werden.

Ein weiterer Auszug über die verschiedenen Gruppierungen und deren Rolle im Syrien-Konflikt findet ihr hier: Kurden, Irakische Armee, Assad-Regime, Externe Interventionen.

Hier findet Ihr unsere Analysen zur Irakischen Armee, der syrischen und irakischen Kurden, der syrischen Armee und der internationalen Koalition.

 

Quellen:

Conflict Barometer 2014.
Interview mit Dr. David Arn.
Eigene Datenerhebung über eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung der Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Welt und TAZ im Sommer 2014.

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Datenschlacht in Syrien