Im Wirrwarr der Fronten — die westliche Intervention

Im Wirrwarr der Fronten — die westliche Intervention

In der von den USA geführten Allianz sind die einzelnen Rollen nicht klar geklärt. Viele verschiedene strategische Ansätze werden in den deutschen Leitmedien diskutiert: Türken und Amerikaner — kämpfen sie wirklich Seite an Seite? Warum melden sich Mitte 2014 bereits die ersten Mitgliedsstaaten der Intervention wieder ab?

In meiner Untersuchung der westlichen Kampfeinheiten ging es in erster Linie darum, gemeinsame Interessen der Intervention von individuellen Interessen der westlichen Staaten zu isolieren. Gegensätzliche Ausgangslagen, wie Syriens geographische Nähe zur EU und die Bedeutung für den Mittelmeerdialog, sowie Syriens gemeinsame Grenze zum Nato-Partner Türkei sollen kartographisch aufbereitet werden. Die problematischen Rollen und Beziehungen Russlands, der Türkei und Saudi-Arabiens, bzw. Katars mussten dabei, mit ihren vielen Überschneidungen, besonders genau betrachtet werden.

Tomahawk-Raketen

Tomahawk-Raketen werden von einem US-Zerstörer abgeschossen. Quelle: commons.wikipedia.org

Die westliche Intervention gegen den Islamischen Staat lässt sich klar zweiteilen: Auf der einen Seiten, mit Unterstützung für die syrische Regierung, Russen, Iraner und Hisbollah. Auf der anderen, der syrischen Regierung entgegengestellt, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien, Türkei und verschiedene Vertreter der arabischen Liga.

Die Zweiteilung der Intervention lässt keine klare Koalition erkennen — und höchstens eine schizophrenen Charakters. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre häufen sich Missverständnisse, wie der Abschuss eines russischen Jets durch türkische Bodentruppen. Eine Intervention, die mindestens genauso viel Chaos in sich selbst zu tragen scheint, wie auf dem Wirrwarr der Levante — doch wollte sie dort nicht ursprünglich für Ordnung sorgen?

Die Untersuchung journalistische Erzeugnisse aus der Mitte der Jahres 2014, zu einer Zeit in der das Erstarken des Islamischen Staates unmittelbar bevorsteht, lassen noch keine klaren Konturen vereinten Allianz erkennen. Da sind die Amerikaner, deren größte Aufmerksamkeit noch der Entmachtung des syrischen Machthabers Assad ist. Da ist die Türkei, die die Auswirkungen des größten Flüchtlingsstroms des beginnenden 21. Jahrhunderts spürt. Oder der Irak, ein gespaltenes Land, das mit seiner Krise nur Öl ins Feuer von Assads syrischer Regierung gießt. Und das sind nur drei der Koalitionspartner, denen es bis heute nicht gelungen ist, einheitliche Entscheidungen zu treffen.

Während journalistische Erzeugnisse es also schwer machen, eine westliche Intervention als solche zu erkennen — gibt es diese denn überhaupt? — bleibt noch die Wissenschaft zu befragen. Das Heidelberger Conflict Barometer untersucht Jahr für Jahr weltweite Konflikte und prüft deren Beteiligte und Leidtragende auf Herz und Nieren. Und der Anschein trügt nicht: Im Jahr 2014 überschneiden sich journalistische und wissenschaftliche Ansichten zur externen Intervention zu großen Teilen: die verschiedenen beteiligten Staaten der westlichen Intervention verzeichnen unterschiedlich große Erfolge. Zu unterschiedlich, um von gemeinsamer Sache sprechen zu können. Doch im Gegensatz zu den beteiligten Kriegsparteien vor Ort — Irak zum Beispiel, dessen Unterstützung als eine der größeren Aufgaben der westlichen Allianz gilt — kann die externe Intervention kaum Erfolge gegen den IS feiern. Militärische Erfolge feiern nach Ansicht der Heidelberger nur die aktiv beteiligten Kriegsparteien, nicht aber die Externen.

Ein F-16-Kampfjet wird nach dem Einsatz über Syrien neu betankt. Quelle: commons.wikipedia.org

Ein F-16-Kampfjet wird nach dem Einsatz über Syrien neu betankt. Quelle: commons.wikipedia.org

Vielleicht gelingt es mit Fokus auf einen der Beteiligten, die Vereinigten Staaten und damit den erklärten Anführer der westlichen Intervention, einen geordneten Blick auf westliche Anliegen zu erlangen. Lesley Wroghton ist Nahost-Korrespondentin für außenpolitische Themen der Vereinigten Staaten für die Nachrichtenagentur Reuters. Sie sieht im Juni 2014 vordergründig drei große Themen westlicher Interventionspolitik.

Erstens, die amerikanischen Bemühungen Assad zu entmachten. Dieser Fokus amerikanischer Außenpolitik gilt als charakteristisch für eine Zeit, in der die Gräueltaten des Assad-Regimes in ihrem Ausmaß und im speziellen in ihrer Bildsprache ohne Vergleich waren, so Wroghton. Erst in den kommenden Tagen und Wochen — mit dem Erstarken des IS und der Häufung von Menschenrechtsverletzungen und einer Bildsprache, um die in der Bevölkerung großes Aufheben gemacht wurde — rückte der Fokus amerikanischer Außenpolitik von diplomatischen wie kriegerischen Initiativen gegen Assad ab. Und bewegte sich hin, zu der Bildung einer westlichen Koalition gegen den Islamischen Staat.

Zweitens, Außenminister John Kerrys Versprechen, den Irak zu unterstützen. Wroghton spricht von einem gespaltenen Land, das aber, im Falle einer Einigung, auf westliche Unterstützung im Kampf gegen den Islamischen Staat zählen kann. Der Irak, gespalten in Sunniten und Schiiten hatte zuletzt mit amerikanischer Unterstützung Wahlen hinter sich gebracht, aus denen schiitische Parteien als Sieger hervorgingen. Kerry war nun besorgt, dass Sunniten, die sich schon früher als gute Kämpfer gegen Al-Qaida erwiesen hatten, ihre Bemühungen in der Revolte gegen den IS nicht irakischen Zwecken zugute kommen lassen würden.

Drittens, John Kerrys diplomatische Beziehungen zum saudischen König Abdullah — dieser versprach Kerry Druck auf die sunnitische Bevölkerung auszuüben, sich der irakischen Regierung anzuschließen. Dies sollte vor allem einen Vormarsch des Islamischen Staates verhindern, der zum Zeitpunkt bereits die nördlichen Grenzgebiete des Iraks eingenommen hatte und sich weiter gen Süden vorarbeitete, so Wroghton. Die Zusammenarbeit zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Staaten galt Mitte 2014 als eines der Schlüsselkonzepte im Kampf gegen den Islamischen Staat.

Eine Karte der ersten Luftschläge der westlichen Intervention. Quelle: commons.wikipedia.org

Eine Karte der ersten Luftschläge der westlichen Intervention. Quelle: commons.wikipedia.org

In den folgenden Monaten trat noch Russland als größerer Spieler auf — und unterstützte auch noch den syrischen Diktator Assad. Noch mehr Verwirrung auf dem Spielbrett der wichtigen Entscheider. Die westliche Intervention wird mittlerweile sogar mitverantwortlich gemacht für die Flüchtlingsströme, die Europa aus der Levante erreichen.

 

Hier findet Ihr unsere weiteren Analysen zu den Kurden, dem islamischen Staat, der irakischen Armee und der syrischen Armee.

Quellen:

Conflict Barometer 2014.
Aussagen von Leslie Wroghton
Eigene Datenerhebung über eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung der Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Welt und TAZ im Sommer 2014.

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Datenschlacht in Syrien