Assad - Schlechter als sein Ruf

Assad – Schlechter als sein Ruf

Schon als der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, berichteten die Medien ausgiebig von den Schlachten: von den Schlägen der Rebellen gegen die Regierung und auch von den Gegenschlägen und Gräueltaten, die diese an der Bevölkerung beging. Doch als der Islamische Staat die Bildfläche betrat, änderte sich plötzlich die Berichterstattung. Seitdem geht es nicht mehr um Giftgasanschläge auf Schulen, sondern um islamistisch motivierte Enthauptungen und Selbstmordattentate. Das Bild, das die deutschen Medien insbesondere im Sommer 2014 verbreiteten, täuscht: das Assad-Regime ist weiterhin der Big Player im Konflikt. Hier liegt die Kampfkraft, hier liegt die Ursache für den Krieg. Wie funktioniert dieses Regime? Welche Ziele und welche Strategien hat es?

Als Baschar al-Assad im Juli 2000 zum neuen Präsidenten Syriens wurde, keimte bei vielen Menschen in Syrien Hoffnung. Es schien, als hätte man plötzlich einen liberaleren Machthaber, einen, unter dem die Demokratie sich entwickeln und erblühen könnte. Gefangene wurden frei- und das Internet zugelassen. Es begann der „Damaszener Frühling“.

Landesvater Assad überwacht den Straßenverkehr in Latakia, 2011. Quelle: commons.wikipedia.org

 

Doch bereits ein Jahr später änderte sich Assads Verhalten. Plötzlich inhaftierte er Oppositionelle, nahm unter anderem kurdische Demonstranten fest und ließ diese töten. Wieder wuchs der Widerwille im Volk. Er errichtete ein Regime, das grausam gegen die eigenen Bürger vorging. Die Unterdrückung sei dabei nicht an Religion oder ethnische Herkunft geknüpft, erklärt  Kristin Helberg. Die Auslandskorrespondentin lebte und arbeitete von 2001 bis 2011 in Damaskus, bis ihr das Regime nach einem Auslandsaufenthalt die Wiedereinreise verweigerte. Jeder Mensch, egal welcher Religion, musste sich mit dem Regime arrangieren. Oder sich harten Strafen stellen. Das oberste Ziel des Regimes war dabei der eigene Machterhalt. „”Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgt Assad die gleiche totalitäre Logik wie der IS““, berichtet Helberg:

„Wenn du mein Feind bist, wirst du im Falle des Assad-Regimes verfolgt, verhaftet, in unterirdischen Gefängnissen festgehalten und unter Umständen zu Tode gefoltert, oder anderweitig getötet. Im Falle des IS öffentlich bestraft, geköpft, erhängt oder erschossen.“

So bleibt es wenig erstaunlich, dass im Frühjahr 2011 unterschiedliche Rebellengruppierungen begannen, gegen den Staat und seinen Machthaber aufzubegehren.

Kampf gegen das eigene Volk

Seit März 2011 steht Baschar al-Assad unter Druck. Er befindet sich im Krieg gegen einen Feind, dessen er nur schwer habhaft werden kann, die eigene Bevölkerung. Schwere Schläge gegen Zivilisten sowie Rebellentruppen sind das Resultat.

Quelle: Flickr.com

Und er versucht, die Rebellion im Ausland, aus dem er sich Hilfe erhofft, als Terrorismus darzustellen.  Wie gut das funktioniert, was Kristin Helberg als „Self-Fulfilling-Prophecy“ bezeichnet, beweist das Eingreifen Russlands in den Konflikt. Ende Februar 2016 konnten sich Moskau und Washington noch immer nicht darauf einigen, wer Rebell und wer Terrorist ist. Beinahe fünf Jahre nach den ersten Aufständen.

„Assad hat verschiedene Maßnahmen ergriffen und das hat funktioniert. Seine Propaganda von der ausländischen Verschwörung, vom islamistischen Terror, der Syrien bedroht wurde zur Self-Fulfilling-Prophecy. Der Aufstand, die Revolution, hat sich militarisiert, regionalisiert, internationalisiert und radikalisiert.“

So wichtig ausländische Interventionen und Unterstützung für Assad und sein Regime sind, so sehr griff er aber auch -- besonders zu Beginn des Krieges -- auf die drei Säulen seines Systems zurück: Die Baad-Partei, Militär und den Geheimdienst. Er erweiterte bereits existierende Foltergefängnisse, inhaftierte darin seine größten Feinde, Kurden und Islamisten. Der Druck auf die Bevölkerung und die Angst vor Festnahmen wuchsen täglich. Helberg beobachtete diese Entwicklung von der Türkei, dem Libanon oder dem Irak aus.

 „Diese seit Jahrzehnten herrschende staatliche Willkür, die einer der Hauptgründe für die Proteste gewesen war,wurde während des Konfliktes nr noch schlimmer. Wer sich für die Revolution einsetzte, wer in oppositionellen Gebieten Hilfe leistete, wenn auch nur den Zivilisten, begab sich in Lebensgefahr. Leute, die Medikamente schmuggelten oder Filmmaterial außer Landes brachten, wurden festgenommen, auch Frauen. Diese werden in den Haftzentren oft misshandelt und vergewaltigt. Jeder der sich in irgendeiner Weise an diesem Aufstand beteiligte, wurde als Terrorist behandel -- verhaftet, gefolter, getötet.”

Emblem der Syrian Armed Forces; Quelle: commons.wikipedia.org

Als Warnung wurden viele der Insassen nach der Folter freigelassen. Doch diese Strategie ging nicht lange auf. Die Bevölkerng wurde noch entschlossener. Was daraufhin geschah, die Steigerung der Gewalt durch Massenvernichtungswaffen gegen die eigene Bevölkerung, die Luftangriffe gegen Zivilisten und unbeteiligte Dörfer, bezeichnet Helberg als etwas in der Geschichte Einmaliges. Städte und Dörfer musste sich entscheiden: “Entweder Assad für immer oder wir brennen das ganze Land nieder”, zitiert Helber den Leitspruch, den die Shabiha-Milizionäre an Häuserwänden hinterlassen. „Assad hat sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Massenvernichtungswaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt: Scharfschützen, Panzer, Raketen, Kampfjets, Fassbomben, Helikopter und Chemiewaffen.“

Strategien eines Regimes

Die vermutlich größte dieser Waffen sind die syrischen Streitkräfte.  300.000 zählten sie laut dem Guardian noch vor dem Ausbruch des Krieges 2011. Im Oktober 2015 schätze man sie nur noch auf 80 bis 100 Tausend. Die einst große Arme schrumpfte zu einer kleinen Truppe. Helberg geht davon aus, dass die ursprüngliche Armee in großen Teilen zerfallen ist und auf das Kommando iranischer und vereinzelt auch russischer Befehlshaber hört. Nur zwei bis drei Eliteeinheiten stünden noch unter Assads direktem Kommando. Und natürlich gibt es noch die National Defence Force, die laut ihr aus örtlichen Milizen zusammengesetzt von mächtigen Kriegsfürsten geleitet werden solllen.

„Die Kriegswirtschaft hat diese Regime-treuen und lokal einflussreichen Milizen reich gemacht, deshalb haben ihre Anführer vor Ort gar kein Interesse an einem Waffenstillstand.”

Hier zeigt sich das Eigenleben dieser neu entstandenen Klans, die nicht mehr bereit sind, mehr als ihren Stadtteil oder ihr Dorf zu schützen. Viele junge Männer, besonders Alawiten, fliehen aus dem Land, weigern sich ihr Leben als Zwangsrekrutierten für Assad zu opfern. Und dennoch: Assads Armee übertrifft die der anderen Kriegsparteien in ihrer Stärke.

Weg vom Bild des Bad Boys

Wie konnte es also geschehen, dass das im Sommer 2014 vernachlässigt, vielleicht sogar vergessen wurde? Nur 26 der 199 von uns analysierten Artikel befassten sich mit ihm.  Und warum war Assad plötzlich, nach dem Auftauchen des IS nicht mehr nur der Böse?

 „Er hat ein Narrativ erschaffen, wonach er als legitimer Führer seines Landes von allen Seiten angegriffen wird und als Beschützer seines Volkes den Terror bekämpft. Er stellt sich selbst als die einzige Alternative zum islamischen Extremismus und zum IS dar. Die Syrer und der Rest der Welt sollen sich entscheiden müssen zwischen ihm und dem IS.,erklärt Helberg

 

 

Im Untersuchungszeitraum erschienen 26 Artikel über Aassad/die syrische Armee in den Zeitungen. 9 in SZ, 5 in der Welt und 12 in der taz.

Sie erinnert sich noch gut an diese Zeit, in der die Idee aufkam, mit Assad gegen die Islamisten zu kämpfen, und in der sie genau davor warnte.  Obwohl Experten klar ist, dass Assad kein Interesse daran hat, den IS schnell zu besiegen, verbesserte sich das Bild von Syriens Machthaber in den deutschen Medien erheblich. Ein Drittel der von uns untersuchten Artikel bewertet ihn als positiv. Eine Entwicklung, die man zum Teil auf die Inszenierung von Gewalt zurückführen kann. Während der IS mit immer neuen Videos von Hinrichtungen und Zerstörung die Medienlandschaft überflutete, blieben die Handlungen Assads verborgen. Helberg geht unter Berfung auf die Dokumentation des Syrischen Netzwerks für Menschenrechte davon aus, dass Assads Truppen zehnmal mehr Zivilisten getötet haben als der IS. Medienwirksame Hinrichtungen westlicher Journalisten waren allerdings nicht dabei.

Dass diese Bilder so einen enormen Einfluss auf die deutsche Berichterstattung haben, hat zusätzlich auch einen ganz pragmatischen Grund: Andere Informationen sind oft rar. Wegen der schlechten Sicherheitslage sind nur wenige Journalisten vor Ort. Die anderen behelfen sich per Internet häufig mit Kontakten zur Bevölkerung und Kollegen im zerfallenen Land. Ein umfassendes, authentisches Bild der Situation kann so nicht entstehen. Helberg spricht in diesem Zusammenhang von „parallelen Realitäten“. Sie hat den Vorteil, dass sie bereits lange Zeit in Syrien gelebt hat, aus Erfahrung erahnen kann, wie die Region tickt. Andere müssen zum Hörer greifen und Experten wie sie anrufen, um sich die Zusammenhänge möglichst schnell erklären zu lassen.

„Da sitzen zum Teil so ahnungslose Menschen am anderen Ende der Leitung, wo man sich echt fragt, wie dieser Kollege innerhalb eines Mediums für Nahost zuständig ist. Dann wird’s mir irgendwie auch ganz anders.“

 

Auslandskorrespontentin Kristin Helberg; Copyright: kulke/photoartberlin.de

Kristin Helberg Portraet klein.jpg wird angezeigt.

Datenchaos

Hinzu kommt die schlechte Datenlage in diesem Konflikt. Zwar nannten Journalisten in den 26 Artikeln, die Assad in den Mittelpunkt der Geschichte stellten, 22 unterschiedliche Daten und Zahlen, überwiegend über Militär und Todesopfer bei den Gegnern. Aber bei neun von ihnen wurden keine Quellen genannt. Ganze zwölf beziehen sich auf andere Medien. Es scheint ein Kreislauf des Zitierens entstanden zu sein. Den Wahrheitsgehalt dieser Zahlen muss man daher zwangsläufig in Frage stellen.

Helberg sieht einen der Gründe für den Medienfokus auf den IS auch in der Komplexität des Krieges für Außenstehende. Der IS scheint dafür – im Gegensatz zu Assad --  eine einfache Antwort zu bieten: „Der kommt und sagt selbst, wie schrecklich und furchtbar er ist, dass er uns alle erobern möchte. Er bedient alle Sorgen und Ängste, die man im Westen sowieso hat.“ Und er selbst veröffentlicht Zahlen zu seinen Erfolgen.

Assads Lieblingsfeind IS

Quelle: Youtube.com

Aber nicht nur dieser verstärkte Fokus auf den IS war für Assad von Vorteil. Auch seine Kämpfe, die bereits 2013 begannen, spielten dem Regime in die Hände: Sie fanden in Gebieten statt, die Assad bereits an Rebellen verloren hatte, besonders im Osten und Nord-Osten des Landes. Der IS bekämpfte hier oftmals erfolgreich die Feinde Assads. Diese befanden sich somit in einem Zweifrontenkrieg zwischen den Kräften. Einige Experten wie Dr. David Arn und Kristin Helberg sprechen sogar von einer indirekten Zusammenarbeit der beiden Mächte. Helberg erzählt von koordinierten Angriffen, die vor allem  in der Provinz Aleppo zwischen Assads Armee und dem IS stattgefunden haben sollen.

„Der IS fuhr mit Selbstmordattentätern vor und die Armee bombardierte die Stadt gleichzeitig aus der Luft. Wie koordiniert das aber wirklich war und ist, wissen wir nicht. Sicher ist, dass Assad von der Präsenz des IS profitiert.“

Im Land selber vermutet man sogar, dass das Regime die Luftwaffe des IS gestellt hätte. Man habe eben das gleiche Interesse, die Zerschlagung der Rebellengruppen.

Was bleibt von all den Beobachtungen?

Assad und seine Armee sind stark. Selbst wenn sie in den letzten Jahren an Macht eingebüßt haben. Dennoch wurde er im Sommer 2014 in den drei untersuchten deutschen Zeitungen nicht so negativ bewertet, wie man es erwarten könnte, bei einem Diktator, gegen den sich sein eigenes Volk wendet. Die Gründe dafür sind verschieden. Teilweise liegt es am Unwissen über die Region. Teilweise scheint es die Angst vor dem Islamismus zu sein, die stärker ist, als die Angst um ein entferntes Land. Ob das richtig ist oder doch eine auf Europa zentrierte Sichtweise, die das Leid und die Realität von Millionen von Syrern nicht komplett ausleuchtet, das lässt sich hier nicht feststellen.

Hier findet ihr weitere Analysen: Zu irakischen und syrischen Kurden, den Streitkräften des Iraks, dem IS und der internationalen Koalition.

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Datenschlacht in Syrien

 

Die Recherche stützte sich überwiegend auf folgende Quellen:

199 selbst analysierte Artikel aus taz, SZ und Welt aus dem Sommer 2014.

Conflict Barometer 2014

Gespräch mit Kristin Helberg

The Guardian