Weg hier! Ein Augenzeugenbericht aus dem Stade de France

 

2:0. Jubel auf den Tribünen. Enthusiastisch werden 70.000 Frankreich-Fahnen geschwenkt. Dann eine Durchsage und es wird schlagartig still im Stadion. Die Spieler sind bereits in den Katakomben.    Wir verfolgen das Spiel bereits seit der 17. Minute nicht mehr.

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Der Jubel nach dem 1:0

Das war kein Böller. Die Druckwelle, die Hitze auf der Haut. 3 Minuten später eine weitere Explosion. Ein surreales Gefühl im Stadion. Die Menschen erheben sich und schauen auf ihre Smartphones um rauszufinden was los ist. Nach einer Weile nehmen alle wieder Platz. Eine Laola läuft einige Male durch die Ränge. Die Stimmung ist euphorisch. Noch scheint niemand wirklich mitbekommen zu haben was passiert ist.

In der Halbzeit versuchen wir das Stadion zu verlassen. Wir sitzen auf der Osttribüne, also auf der Seite des Stadions wo die Detonationen zu hören waren. Das Stadion ist abgeriegelt. Die Stimmung auf den Rängen ist ruhig, in den Katakomben merkt man jedoch, dass etwas nicht stimmt. Väter nehmen ihre Kinder auf den Arm und laufen hastig von Ausgang zu Ausgang. Vereinzelt brechen Frauen in Tränen aus. Die meisten starren auf ihr Handy und versuchen Verwandte zu erreichen. Die Tore zum Stadionausgang sind geschlossen, Stahlgitter werden auf dem Stadionvorplatz aufgebaut, Stahltore am Anfang und Ende der Treppe zur Tribüne. Die Ordner können uns nicht weiterhelfen. Niemand spricht Englisch. Ein Amerikaner erzählt von Schießereien im Zentrum und einer Geiselnahme. Mehr wissen wir nicht.

„Können wir gehen?“

„Nein“

„Warum nicht“

„Das Stadion ist abgeriegelt“

„Warum? Wir wollen nach Hause“

„Das ist für eure Sicherheit“

Mitte der zweiten Halbzeit herrscht Gewissheit, dass es Bomben waren, auch wenn es nicht offiziell bestätigt wird. Krankenwägen und Polizei dominieren auf der Ostseite des Stadions. Spürhunde durchkämmen das Stadion. Hubschrauber kreisen über den Dächern. Wir reden uns ein, im Stadion sei es am sichersten. Stunden später wird klar: Für zwei der Explosionen waren Selbstmordattentäter verantwortlich, eine dritte Bombe detonierte in der Nähe des Stadions. Angeblich versuchten die Täter in das Stadioninnere zu gelangen. 

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Menschen stürmen von der Südtribune auf den Rasen

Nach Abpfiff wird die Lage unübersichtlich. Der Stadionsprecher berichtet von einem „indicent exterieur“, einem äußeren Zwischenfall. Das Stadion sei nur über die Süd-, West- und Nordausgänge zu verlassen. Trotz der Tatsache, dass ein internationales Testspiel stattfindet erfolgen alle Durchsagen nur auf Französisch. Wir finden endlich einen jungen Griechen der Englisch spricht und heften uns an seine Seite. Die Seitendurchgänge auf den Tribünen sind nun offen, wir können also auf der Außenseite des Mittelrangs auf die andere Seite des Stadions laufen. Auf einmal Panik auf dem Unterrang. Nachdem unvermittelt ein lautes Geräusch zu hören ist, stürmen hunderte Menschen auf den Rasen, einige fallen, viele weinen. Wir laufen wieder zurück auf die Tribüne, weg von der Panik. Die Menschen verharren noch etwa eine halbe Stunde auf dem Rasen des französischen Nationalstadions. Einige klauen Rasen, andere schießen Selfies im Tor. Der Ausgang erfolgt dann relativ ruhig, alle haben nur einen Gedanken: Weg hier! Die Polizei ist omnipräsent, das Blaulicht durchdringt die schwarze Nacht des Pariser Vorortes. Mit gezogenen Waffen leuchten Beamte mit Taschenlampen in Gesichter in der Menge. Die Menschen wirken gefasst, einige singen die Marseillaise. Im Stadtzentrum wird zu diesem Zeitpunkt noch geschossen.

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Fans sammeln sich auf dem Rasen des Stade de France. Manche klauen den Rasen -- andere machen Selfies

Wir decken uns mit dem Nötigsten ein: Wasser, Bananen, Kekse. Es könnte eine lange Nacht werden. Die Züge fahren nicht mehr, auch die Metro ist geschlossen. Während auf Twitter Pariser unter dem Hashtag #pourtesouvertes zu Hause ihren Schutz anbieten, eilen wir durch die Nacht. Von der Hilfsbereitschaft ist in den anliegenden Hotels jedoch nichts zu spüren, wir werden abgewiesen und dürfen nicht einmal telefonieren. Der Handyakku ist fast leer, das Internet funktioniert nur sporadisch, das Telefonnetz ist zusammengebrochen. Taxis sind nicht zu finden. Vor den Bars bilden sich Menschentrauben, jeder versucht einen Blick auf den Fernseher zu erhaschen, in dem die Zahl der Toten ständig nach oben korrigiert wird.

Die Menschen wirken rastlos und wissen doch nicht wohin. Wir bleiben in Bewegung. Nach 4 Stunden in der Nacht finden wir ein Taxi, das uns auf Umwegen sicher nach Hause bringt. Der Taxifahrer wünscht uns eine Gute Nacht. An Schlaf war jedoch nicht zu denken.