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Verstört und einsam – Ein Leben nach dem Kriegseinsatz

Über zwei Millionen US-Soldaten waren seit 2001 in Afghanistan und Irak im Einsatz. Tausende von ihnen kehren jedes Jahr verwundet, verstört, arbeitsunfähig zurück. Jedem Fünften wird eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bescheinigt. Für sie nimmt der Krieg im Kopf kein Ende.

“Noch ein Bier please”, grummelt eine dunkle Stimme mit amerikanischem Akzent durch die Kneipengeräuschkulisse. Es ist bereits das siebte. Normalerweise trinkt Jayden* kaum. Heute schon. Aus keinem Anlass. Heute ist ein ebenso leerer Tag wie jeder andere. Es gibt keinen, an dem er die Alptraumbilder nicht sieht, die Angstschreie nicht hört. Jayden ist 34, Kriegsveteran der US-Army im vorzeitigen Ruhestand. Im Irak bei einem Bombenanschlag verwundet, durch unzählige Einsätze verstört. Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung.
Seit neun Jahren lebt Jayden jetzt in Deutschland, um seine elfjährige Tochter aufwachsen zu sehen. Hier hat er eine Frau, die ihn nicht mehr lieben kann, eine Wohnung, die ihn täglich daran erinnert wie allein er ist und Geld, von dem über die Hälfte in seine psychologischen Behandlungen fließt. 4000 US-$ bekommt er jeden Monat vom amerikanischen Staat. “Wofür?”, fragt er resigniert. Eine Frage, deren fehlende Antwort sein Leben seither so reuevoll macht.

Nach dem Einsatz plötzlich nicht mehr gesellschaftskompatibel

Seins und das zahlreicher anderer Soldaten, die im Krieg Grauenvolles erlebt haben. “So Schlimmes, dass du alles in der Welt dafür geben würdest, es rückgängig zu machen. Aber irgendwann wird dir klar, dass nichts jemals wieder so wird wie früher.” Früher. Das war, als er noch glücklich war mit seiner Freundin, als sie plötzlich schwanger wurde und der Traum einer glücklichen Familie so greifbar war. Oder auch ganz früher, als er noch zu Hause wohnte mit seinen Brüdern und sie jeden Abend zusammen vorm Fernseher hingen, Fastfood aßen und Späße machten. Überschwänglich erzählt er Geschichten von vorher, als das Leben noch “normal” war. Immer bis zu dem Punkt, an dem ihm klar wird, dass das alles nie wieder sein wird.
Wie Jayden geht es vielen US-Soldaten nach dem Einsatz. Sie finden keinen richtigen Anschluss mehr, manchmal mit fatalen Folgen. 349 US-Kriegsrückkehrer sollen sich 2012 das Leben genommen haben. Das sind mehr, als im Einsatz gestorben sind. Eindeutige offizielle Zahlen, wie von der Bundeswehr, gibt es nicht. Vielleicht weil es zu viele sind. Aber auch in Deutschland haben sich seit 2010 116 Soldaten umgebracht.  Auch Jayden kämpft jeden Tag gegen diesen Gedanken an. Sein Gewissen gegenüber seiner Tochter, deren Leben er dadurch zerstören könnte, hält ihn ab. Ansonsten nicht viel. Trotzdem hat er es schon zweimal versucht, mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich.
Jedes Mal hat er sich wieder aufgerafft. Ohne seine Tochter wäre er wahrscheinlich nicht mehr da. Einmal die Woche holt er sie von der Schule ab und verbringt den Nachmittag mit ihr. Sie gehen dann ins Kino oder Shoppen. “Was Mädchen in dem Alter halt so machen.” Und die Urlaube verbringen sie zusammen. Was von seinem Geld übrig bleibt, steckt er in Katie*. Vorletztes Jahr sind sie nach L.A. ins Disneyland geflogen.

Der Krieg holt ihn immer wieder ein

Die Doors dröhnen, dazwischen  Stimmengewirr, der Geruch des schalen Bieres, die stickige Raucherluft, Jayden nimmt das kaum wahr. Gedankenverloren nippt er an seinem Bier. Immer wieder werden seine gutmütigen braunen Augen glasig. Dann wird er still, verliert das Hier und ist weg.
Normalerweise sitzt der Veteran allein am hintersten Tisch in der Ecke. Heute hockt er an der Theke. Er zwingt sich dazu, hin und wieder jemanden anzusprechen, um nicht vollkommen verrückt zu werden. Den Großteil seiner Zeit verbringt er allein vor dem 3D-Fernseher in seiner Zweizimmerwohnung. Ein Luxus, den er sich jetzt leisten kann. Seinen Alltag macht es jetzt trotzdem nicht bunter. Lieber hätte er die Kiste nicht, aber dafür ein unbeschwerteres Leben, wie es normale Menschen haben, die er so beneidet. Wenn die Schreie in seinen Ohren zu laut werden, setzt er sich an seinen Rechner und schreibt. Ein Versuch, sich der parasitären Gedanken in seinem Kopf zu entledigen. Doch die Erinnerungen kreisen stets wie Hornissen unter seiner Schädeldecke. Oft stechen sie zu.
Zum Beispiel die Erinnerung an einen seiner ersten Tage im Irak. Als sie zu sechst ins Dorf gefahren sind und plötzlich beschossen wurden. Wie sie zurückschießen mussten, um nicht selbst drauf zu gehen. Auf die Angreifer, die sich mitten auf dem Marktplatz zwischen wehrlosen Zivilisten verschanzt hatten. Oder wie eine Bombe hochging, fünfzig Meter von ihm entfernt, in einem riesigen Plattenwohnbau und er zusehen musste, wie ein Kamerad dabei starb.

Heilung unmöglich

Meistens bleibt Jayden deshalb zu Hause, weil er niemanden belasten will mit seinen Problemen. Mit all den unzähligen Triggern, die Todesangst auslösen, mit den eingebrannten Angewohnheiten, die er nicht ablegen kann. Wie das unbemerkte Scannen jedes Raumes, den er neu betritt, das ewige Misstrauen jedem Menschen gegenüber. Mehr als 138 000 US-Soldaten ist in den letzten 15 Jahren die Diagnose PTBS gestellt worden. Auch bei der Bundeswehr sind Posttraumatische Belastungsstörungen weit verbreitet. 1602 ehemalige Soldaten waren vergangenes Jahr in Deutschland in Behandlung. Und das sind nur die, die sich professionelle Hilfe suchen. Die Behandlung kann helfen mit dem Erlebten besser umzugehen. Eine Heilung gibt es nicht.

Als die Barkeeperin den Fernseher einschaltet, blickt Jayden auf. Boxen: Klitschko gegen Leapai. Kurz leuchten die Augen mit den dunklen Schatten auf. Mit einem Lächeln erzählt er, wie er vor Jahren auf den weißen Ukrainer setzte, während alle seine Freunde auf dessen schwarzen US-Kontrahenten wetteten. “An dem Abend habe ich 200 Dollar gewonnen“, erinnert er sich. Ein melancholischer Ausdruck auf dem runden Gesicht verrät, wie sehr er sich diese unbeschwerte Zeit zurück wünscht. Der Veteran weiß, dass es ein Wunsch bleiben wird. Manchmal ist er sehr müde von seinem Leben, das ihn so oft quält. Und dabei hat er so viel schon versucht: den Kontinent gewechselt, seine Tochter eingeschult, Rapsongs geschrieben, seine Biografie angefangen. Aber was ihm passiert ist, will ihn nicht loslassen. „Ich habe Schlimmes gesehen. Ich habe selbst Schlimmes getan. Und wofür?“
Da ist sie wieder. Die Frage, die andere oft rhetorisch stellen. Jayden hätte gerne eine Antwort. Meist bewirkt er damit Überforderung bei seinem Gegenüber. Heute nicht. Ein taffes Mädchen mit kurzen blonden Haaren und einem bunten Tuch darin packt ihn fest an den muskulösen Schultern. „Wir gehen jetzt noch tanzen und du kommst mit“, befiehlt sie beschwipst in niederländischem Akzent. Er hat sie und ihre beiden Freunde gerade erst an der Bar kennengelernt, wird sie wahrscheinlich nie wiedersehen.
Er wird trotzdem mitgehen. Was wartet auch sonst auf ihn? „That´s life“, sagt er noch, bevor sie verschwinden. Ein Satz, den er oft sagt, meist zu sich selbst. Um sich daran zu erinnern, dass man manche Entscheidungen nicht rückgängig machen kann. Dass jeder irgendwie einen Weg finden muss, mit den eigenen klar zu kommen. Und dabei können ein paar flüchtige Barbekanntschaften manchmal helfen. “At least for the moment.”

*Namen geändert.