Müssen wir nach der Homo-Ehe auch die Inzest-Ehe legalisieren?

52230

In den letzten Wochen war das Thema Gleichstellung von homosexuellen Beziehungen wieder ganz groß in den Medien. Was unsere Generation schon lebt, nämlich dass Liebe kein Geschlecht kennt, hat nun auch das oberste US-Gericht begriffen und die gleichgeschlechtliche Ehe in jedem US-Bundesstaat für rechtens erklärt.

Auf der ganzen Welt feierten die Menschen die Entscheidung des Supreme Courts. Manche mit Regenbogenbildern auf Facebook -- andere in knappen Unterhosen auf einer Gay Pride Parade in ihrer Nähe.

So lösen sich nach und nach die verkrusteten Beziehungsvorstellungen unserer Eltern und Großeltern, um mehr individueller Freiheit Platz zu machen. Liebe und Beziehung wird zunehmend als ein privates Thema gesehen, in das der Staat nicht reinzureden hat.

Teile der konservativen CDU sehen das natürlich anders. Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) sorgte Anfang Juni für Furore, als sie sagte:

“Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen”

 

Der Oppositionsführer im saarländischen Parlament, der altbekannte Haudegen Oskar Lafontaine, schoss prompt zurück und erklärte, AKK schüre “Ressentiments” wenn sie “Homo-Paare mit Inzest und Polygamie in Zusammenhang bringt”.

Das er damit in erster Linie Inzest und Polygamie verteufelt, ist Lafontaine wohl nicht klar.

 

AKK hat durchaus Recht mit ihrer Aussage, dass die Gleichstellung der homosexuellen Partnerschaften andere Forderungen produzieren könnte. Bereits im September 2014 dachte der deutsche Ethikrat offen über eine Abschaffung der Strafbarkeit des Beischlafs unter Geschwistern.

 

Diese Überlegung ist nur logisch:

Wenn wir Beziehungen als rein private Sache ansehen und nicht mehr akzeptieren, dass Gesetze, die oft mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind, uns vorschreiben wollen wie und wen wir lieben, dann müssen wir diesen Maßstab vielleicht nicht nur an gleichgeschlechtlichen Partnerschaften anlegen, sondern auch bei polygamen oder inzestuösen Beziehungen.

 

Die aktuelle Gesetzeslage stellt Sex mit einem nahen Familienmitglied bisher unter Strafe. Bis zu zwei Jahre Knast verspricht §173 Abs. 2 StGB miteinander verkehrenden Geschwistern.

Bildschirmfoto 2015-07-08 um 19.15.39

Das Bundesverfassungsgericht bestätigte die Vereinbarkeit des §173 StGB mit dem Grundgesetz im Jahr 2008. In seinem Urteil argumentiert das Gericht, dass Kinder aus Inzucht Beziehungen eine hohe Wahrscheinlichkeit haben mit schweren Behinderungen auf die Welt zu kommen. Außerdem entspreche es nicht dem “traditionellen Bild der Familie”. Weiter stütze sich das Gesetz auf “einer kulturhistorisch begründeten nach wie vor wirkkräftigen gesellschaftlichen Überzeugung von der Strafwürdigkeit des Inzestes”.

Nur der kürzlich verstorbene Verfassungsrechtler Winfried Hassemer vertrat eine leicht andere Ansicht, die im Urteil des Bundesverfassungsgerichts vermerkt ist. Seiner Ansicht nach stelle das Gesetz auch den Beischlaf zwischen unfruchtbaren Geschwistern unter Strafe. Außerdem sei gleichgeschlechtlicher Verkehr unter Geschwistern nicht erfasst.

Da ist es wieder das “traditionelle Bild der Familie”, das ja angeblich schon durch die Homo-Paare so arg gefährdet ist, wie manche Gegner behaupten. Genau dieses Argument bröckelt, wenn offen über alternative Familienkonzepte nachgedacht wird. Es mag sehr befremdlich sein, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Aber wieso sollte der Sex zwischen Bruder und Bruder nicht unter Strafe stehen, während der Beischlaf zwischen unfruchtbaren hetero Geschwistern mit bis zu zwei Jahren Zuchthaus bestraft wird? Was ist mit Beziehungen zwischen Stiefgeschwistern? Diese stehen nicht unter Strafe, stören aber auch das “traditionelle Bild der Familie”.

Diskriminieren wir da nicht wieder die Liebe zwischen zwei Menschen, nur weil wir sie selber abstoßend finden?

Nicht nur erzkonservative Demagogen, sondern wahrscheinlich große Teile der Bevölkerung stellen das Kindeswohl über jede private Lebensform. Bei der Homo-Debatte ist es zweifelhaft, ob homosexuelle Paare wirklich schlechter als Eltern geeignet sind als heterosexuelle. Bei Inzucht ist der Fall etwas klarer. Diese Kinder sind mit hoher Wahrscheinlichkeit behindert. Können wir aber ernsthaft den Inzest verbieten, wenn beispielsweise durch eine Sterilisierung keine Kinder gezeugt werden können? Oder können wir eine Ehe legalisieren, mit der Bedingung, dass einer der beiden Partner sich vorher sterilisieren muss? Oder sind manche behinderten Kinder durch Inzucht der Preis den wir für totale Toleranz bezahlen müssen?

 

Noch ist Inzest ein absolutes Tabu. Doch genauso wie die Homosexualität vor einigen Jahrzehnten noch als etwas ekelhaftes und perverses gesehen wurde, könnte in einigen Jahren die Geschwisterliebe unser “traditionelles Familienbild” endgültig pulverisiert haben.

 

 

 

Foto: Szene aus “Die Träumer” GB/F 2003, Film über Bruder und Schwester in einer verrückten Dreiecksbeziehung