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Taliban: Die Nationale Einheit nicht ohne sie

Zum 1. Januar hat sich die Bundeswehr nach dreizehn Jahren aus Afghanistan zurückgezogen. Es bleiben 850 Soldaten, davon 70 Ausbilder welche die rund 350.000 afghanischen Sicherheitskräfte beratend zur Seite stehen sollen. Und es bleibt eine weitere Kerbe in der afghanischen Erinnerung. Der Krieg im Zuge der Anschläge vom 11.September – angeführt von den USA und unterstützt durch 50 weitere Staaten – sollte die Sicherheitslage im Land stabilisieren, ein Gewaltmonopol wiederherstellen und die Taliban entmachten.

Die Inauguration von Ashraf Ghani, der am 29ten September 2014 das Amt des Präsidenten übernahm, stand am Ende dieses angestrebten Transformationsprozesses. Es war das erste Mal in der afghanischen Geschichte, dass einer Wahl die freiwillige Aufgabe eines Staatsamtes vorausging. Ghani bildet zusammen mit Abdullah Abdullah eine Regierung der nationalen Einheit die Staatsstrukturen wiederherstellen, Reformen einleiten und sich dezentralen Bestrebungen von konkurrierenden Gruppierungen innerhalb Afghanistans in den Weg stellen soll.

Sie steht damit keiner einfachen Aufgabe gegenüber, denn die afghanische Gesellschaft ist gespalten: Spannungen hatten sich bis jetzt nicht nur entlang von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit, sondern auch aufgrund von Interessenkonflikten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren, wie Eliten in Kabul und der Bevölkerung in den ländlich geprägten Gebieten, ergeben. Eine weitere Rolle spielte lange Zeit auch die Interessen des Nachbarlandes Pakistan und zweifelsohne religiöse Gruppen wie die Taliban. Wurde die Wahl als ein Sieg gegenüber sowohl politischen als auch religiösen Extremismus gesehen, so warnen Beobachter die Sicherheitslage auf die leichte Schulter zu nehmen: das Ergebnis mag die Macht der Talibanen eingeschränkt haben, in die politische Bedeutungslosigkeit abgerutscht sind sie dadurch aber nicht.

Wenn von Talibanen die Rede ist, dann prägen den Diskurs langbärtige Männer mit Kalaschnikow und Bazooka, bergige Landschaften und lange Umhänge. Ungeachtet dieses pre-modernen Bildes waren die Taliban in der Lage ihr Einflussgebiet in den 1990er Jahren auf beinahe ganz Afghanistan auszuweiten, von 1998 bis 2001 die de facto Regierung zu stellen und anschließend knapp 15 Jahre lang der Kriegsmaschinerie einer der mächtigsten Länder dieser Erde zu trotzen. Eine große Rolle in der Entwicklung der Taliban spielte das Ende des Kalten Krieges. Nach dem kommunistischen Coup im Jahre 1978 war Afghanistan zwischen 1979 und 1989 von Truppen der UdSSR besetzt. Während dieser Zeit war die Wirtschaft abhängig sowohl von Gasexporten in die Sowjetunion, als auch von extensiver Entwicklungshilfe, die lange Zeit den Großteil des afghanischen Haushaltes ausmachte.

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Der Zusammenbruch der UdSSR führte 1991 zu einem Stopp sowjetischer als auch amerikanischer Entwicklungshilfe. Finanzielle und militärische Direktunterstützung war während des Kalten Krieges in weiten Teilen von der Truman Doktrin und der damit einhergehenden containment policy (dt. Eindämmungspolitik) der USA und, wenn auch anders deklariert, der UdSSR geleitet: Dem zugrunde lag die Angst vor einer Expansion des jeweiligen Gegenspielers, welche dazu führte, dass beide Länder jeweils konkurrierende Gruppen innerhalb des vom Gegenüber – formell oder informell – besetzten Landes unterstützten. So auch in Afghanistan, wo die USA die Mudschaheddin, welche sich dem sowjetischen Einmarsch entgegenstellten, mit panzerbrechenden Raketen und leichten Waffen ausrüsteten.

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Die USA hatten allerdings nicht nur ideologische Gründe ihre Präsenz am Hindukusch zu untermauern. Afghanistan hatte und hat als Brücke zwischen dem Nahen Osten und Asien auch eine extreme geopolitische Bedeutung. Die USA waren dabei vor allem daran interessiert eine Diversifizierung der Energieversorgung der Region voranzutreiben ohne Sanktionen gegenüber dem Iran zu lockern. Andererseits hatte beispielsweise Pakistan ein Interesse daran, Einfluss auf ihren Nachbarstaat zu nehmen, um sich einen Zugang nach Westen zu ermöglichen und sich so aus dem Griff Indiens im Osten zu lösen.

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Der Krieg in den 1980er Jahren führte zu Bildung einer afghanische Diaspora in den Nachbarstaaten Iran und Pakistan. Das Pakistanische Directorate of Inter-Service Intelligence (DIS) war während dieser Zeit der Mittelsweg für internationale Hilfe: Saudische und amerikanische Geber orientierten sich an der Klassifizierung und Anerkennung von afghanischen Exilgruppen durch das DIS. Da Pakistan ein extrem muslimisch geprägtes Land war und ist, präferierte der DIS dabei islamische Gruppen, wie die sich in der Diaspora formierenden Taliban. Nach dem Zusammenbruch der Regierung Najibullahs 1992 hatten die Taliban sich so durch pakistanische Unterstützung ein extensives informelles Netzwerk aufgebaut. Sie waren in der Lage das durch den Zusammenbruch zentralstaatlicher Gewalt entstehende Machtvakuum zu füllen und sich als Souverän über große Teile des Südens, und, ab 1996, auch Ostens zu etablieren. Infrastrukturmaßnahmen initiierend, etablierten sie einen Sicherheitsapparat sowie islamische Rechtstaatlichkeit und übernahmen somit staatliche Funktionen. Eine große Rolle spielten dabei die seit dem 10. Jahrhundert existierenden Schulen für islamische Wissenschaft; die Madrasas. Nach dem Wegfall zentralstaatlicher Gewalt waren sie an vielen Stellen oft die einzigen Institutionen, die Bildung ermöglichten. Taliban bedeutet, wortwörtlich aus Paschtu übersetzt, „Studenten der Wissenschaft“. Erst im pakistanischen Exil, später in Afghanistan, entwickelten sich die Madrasas zu den zentralen Rekrutierungsstätten für die Taliban: Sie statteten letztere mit dem nötigen ideologischen Überbau und daraus resultierend auch Gruppenzusammenhalt aus. Die finanzielle Basis wurde zum einen durch die Erhebung von Steuern, zu großen Teilen allerdings auch durch Schmuggel nach Pakistan geschaffen. Zu dieser Zeit verfolgte die dortige Regierung eine extrem protektive Außenhandelspolitik: viele ausländische Waren wurden mit hohen Zöllen belegt. Die Taliban importierten Waren steuerfrei aus Dubai und brachten sie auf Lastern nach Pakistan – den Einfuhrzöllen trotzend. Die informelle Infrastruktur welche sich während der sowjetischen Besatzung durch pakistanische Hilfe entwickelt hatte bildete dabei die Grundlage. Die Taliban etablierten sich zu dieser Zeit als transnationaler Wirtschaftsakteur, der neben dem Schmuggelhandel nach Pakistan auch eng, beispielsweise mit der russischen Mafia, im Opiumhandel kooperierte. Afghanistan ist der größte Opiumhersteller weltweit, 90 Prozent des globalen Angebots werden dort produziert.

Taliban: Geboren aus dem Widerstand

Die Identität der Taliban war im Exil entstanden, geboren aus dem Widerstand und dem Trauma eines besetzten und vertriebenen Volkes – was ihre Kompromissbereitschaft senkte und das Misstrauen gegenüber ausländischen Interventionen steigerte. Die graduelle Zerstörung der afghanischen Wirtschaft durch die sowjetische Kriegsführung in den 1980er Jahren legte das Fundament für die Entwicklung einer informellen Tauschwirtschaft. Diese ermöglichte den Taliban der Fragmentierung zentralstaatlicher Gewalt seit den 1980er Jahren eine eigene Art des Regierens entgegenzustellen: Diese stützte sich auf Zusammenarbeit auf lokaler Ebene und übernahm staatliche Aufgaben, wie innere Befriedung und Herstellung einer Sicherheitsstruktur. Das in den Madrasas geschaffene soziale Kapital unterstützte sie dabei, ihren Einflussbereich zwischen 1998 und 2001 auf ganz Afghanistan auszuweiten, welcher letztendlich in der Etablierung des Islamic Emirate of Afghanistan mündete.

Die Wahl 2014 hat den Grundstein für einen demokratischen Übergangsprozess gelegt. Nichtsdestotrotz steht die Regierung Ashraf Ghani’s vor schweren Herausforderungen – deren Meisterung unter anderem dadurch beeinflusst sein wird, inwieweit die internationale Gebergemeinschaft sich zu langfristigen finanziellen Zusagen hinreißen lässt. Die Etablierung eines Gewaltmonopols kostet Geld: Bereits kurz nach der Wahl hatte es Unruhen gegeben nachdem Ghani nicht in der Lage war Sicherheitskräfte ihren Lohn auszuzahlen. Auch wurden die Taliban zwar teilweise zurückgedrängt – trotz allem spielen sie immer noch eine bedeutende innenpolitische Rolle: Matt Waldman, früher Fellow an der Kennedy School der Harvard University, schätzte ihre Zahl 2014 auf über 60.000. Der Krieg mag die Taliban militärisch geschwächt haben – inwieweit ihr innerer Zusammenhalt und die Motivation, Krieg zu führen, durch die Intervention geschwächt wurde, lässt sich allerdings nicht mittelbar daraus folgern. Vor allem die mit dem Konflikt einhergehende hohe Anzahl ziviler Opfer, verbunden mit der Anonymität und der teils indiskriminatorischen Gewalt des Drohnenkrieges im afghanisch-pakistanischen Grenzgebietes lassen eher auf das Gegenteil schließen.

http://unama.unmissions.org

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Mehr als 30 Jahre Krieg haben Spuren und gesellschaftliche Gräben hinterlassen, die nicht ohne tiefgehende Anstrengungen überwunden werden können. Die Frage, inwieweit es Ghani gelingen wird Afghanistan politisch zu einen, bleibt dabei vorerst unbeantwortet. Die Bildung eines inklusiven Momentums durch die Entstehung einer Regierung der nationalen Einheit darf dabei nicht als ein bereits vollzogener Prozess gesehen werden: Die demokratische Ordnung Afghanistans ist ebenso jung wie brüchig und nur Teils in lokale Machtstrukturen fernab Kabuls verankert. Die Regierung Ghanis wird sich einerseits daran messen lassen müssen, inwieweit sie in der Lage sein wird den Machtbereich nichtstaatlicher Akteure wie die Taliban entweder einzuschränken oder dem Land zuträgliche Bahnen zu lenken. Andererseits wird erst der nächste Urnengang zeigen, inwieweit Ghani die durch die Wahl eingeleitete Wandlung hin zu einem demokratischeren Staat fortführen kann – und in der Lage sein wird mit der kleptokratischen Tradition seiner Vorgänger zu brechen.

 

Author: Moritz Matzner

 

 

Quellen:

http://unama.unmissions.org

http://www.crisisgroup.org/en/regions/asia/south-asia/afghanistan.aspx

Rubin, Barnett. “The Political Economy of War and Peace in Afghanistan.” World Development, Vol. 28, No. 10 (2000), 1789-1803.

International Crisis Group. “Afghanistan’s Political Transition“. International Crisis Group, Asia Report N°260, 16. Oktober 2014.