Foto: Christoph Kürbel

Kilian Kleinschmidt über die Würde der Flüchtlinge

Am 13. Januar 2015 hielt Kilian Kleinschmidt, Manager des Flüchtlingscamps Zaatari und dort nur “Der Bürgermeister” genannt, einen Vortrag im Amerikahaus in München. In Zaatari versuchte er sich an innovativen Lösungen um den Flüchtlingen ihre Würde zurückzugeben. Hier ein Bericht von diesem interessanten Abend und das Interview, das ACTUALLYNOT mit Kleinschmidt vorab führen konnte.

www.junges-forum.eu / Matthias Rüby

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Zum Ende eines jeden Tages sind 30.000 Menschen auf dieser Erde heimatlos und auf der Flucht. Nicht nur aufgrund des Krieges in Syrien oder der Ukraine. Auch aus der Zentralafrikanische Republik, dem Kongo, Somalia, Mali und vielen anderen Staaten lassen Menschen ihre Heimat hinter sich. Viele von ihnen sehen wir nicht. Das Risiko sie zu vergessen ist hoch. Migration gab es schon immer, durch die heutige Mobilität ist sie nur umso leichter geworden.

Die Massen an Flüchtlingen fordern heute von der UNHCR komplexeste logistische Lösungen und das in kürzester Zeit. So auch 2012 in Zaatari, nördlich von Jordanien und wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Aufgrund des Bürgerkrieges überqueren 2.000-4.000 Flüchtlinge täglich die Grenze. Die jordanische Regierung beschloss gemeinsam mit den Vereinten Nationen ein neues Flüchtlingscamp zu schaffen. Dem Prinzip vorheriger Camps treu, ist das primäre Ziel, so schnell wie möglich einen humanitären Standard für alle zu erreichen. Dabei handelt es sich um eine Schlafmöglichkeit, 20 liter Wasser und 2.100 Kalorien am Tag, sowie eine medizinische Grundversorgung. In Zataari geschah dies wie im Bilderbuch und doch kam es nach wenigen Tagen im Camp zu Ausschreitungen, Steine wurden auf Mitarbeiter des Camps geworfen, Demonstrationen waren an der Tagesordnung.

Obwohl der “humanitäre Standard” erreicht wurde, was sehr selten ist, waren die Ausschreitungen und die Gewalt in Zaatari so extrem, dass es zum Tod eines Polizisten und mehreren Verletzten kam. Die Situation schien untragbar, eine Lösung und ein Umdenken musste her. Neun Monate nach der Gründung des Flüchtlingscamps traf  Kilian Kleinschmidt im März 2013 im Camp ein. Er war nun der Chef und sollte für Ordnung sorgen. Nur wie? Und wo lag überhaupt das Problem?

Kleinschmidt sucht die Lösung auf einem Weg, der in den Mühlen der Bürokratie und deren Logik sehr leicht unterzugehen scheint: Er redet mit den Menschen und versucht sie zu verstehen. Das gegenseitige Begreifen als Mensch.

http://www.mirror.co.uk/news/world-news/syria-refugee-camp-aerial-pictures-2067144

http://www.mirror.co.uk/news/world-news/syria-refugee-camp-aerial-pictures-2067144

Ein erstes Problem und auch das, dass sich nicht lösen lässt, ist die nähe zur syrischen Grenze. Mann muss verstehen, dass in dem Camp Menschen leben, die vor dem Krieg geflüchtet sind aber jeden Tag mit Bombeneinschlägen wieder daran erinnert werden. Wie soll man so sein Trauma verarbeiten? Es war zu beobachten, dass die Flüchtlinge bei Bombardements in angrenzenden syrischen Siedlungen sofort versuchten ihre Verwandten auf der syrischen Seite anzurufen -- in der Hoffnung, dass sie ans Telefon gingen. Wenn keiner abnahm, packte sie traurige Ungewissheit. Mit diesen psychologischen und körperlichen Traumata lernte Kleinschmidt umzugehen und darauf einzugehen.

Auch ist es für die Flüchtlinge selbst ein schreckliches Gefühl permanent als Opfer gesehen zu werden. Das Essen wie Almosen vorgelegt zu bekommen, abgepackt, rationiert und auch erst nach stundenlangem Anstehen. In einem Zelt zu wohnen, das man sich mit mehreren teilt, um dann auf eine Gemeinschaftstoilette gehen zu müssen -- auf Dauer ein unwürdiger Zustand. Die Menschen haben Ihre Heimat hinter sich gelassen, ihren Besitz und somit einen Teil ihrer Identität verloren, und im Camp finden sie diese Dinge nicht wieder. Dort scheinen sie auch nicht mehr zu sein, als eine Zahl, ein Schlafplatz, 20 Liter Wasser und 2.100 Kalorien. Kleinschmidt verstand, dass humanitäre Hilfe nicht für jeden das Gleiche bedeuten muss.

Anfangs musste er sich in Zaatari einen Ruf  erarbeiten, mit Persönlichkeiten sprechen, die außerhalb des Camps oder vor dem Krieg oftmals niemand waren und sich jetzt im Camp wie die Könige aufführten.Es hatte sich schnell eine Mafia gebildet. Zum Beispiel um Abu Hussein, vor dem Krieg ein Ingenieur, dann Bombenleger und hier im Camp ein Kriegsheld. Kommentar dazu von Kleinschmidt, “Refugees are no angels”.

Ein Beispiel sind die Flüchtlingszelte. Ca. 700.000 Zelte wurden in Zaatari ausgegeben im Wert von 35 Millionen Dollar. Heute findet man die Zelte in ganz Jordanien. Als Ziegenhütten oder andere Behausungen. Hier haben ein paar Flüchtlinge gute Geschäfte gemacht. Ähnliches mit dem Strom in Zaatari. Nach einiger Zeit beschloss die Verwaltung, Laternen aufzustellen. Kurze Zeit später kamen die Menschen auf die Idee, den Strom der Laterne auch an ihr Haus anzuschließen. Das taten sie nicht selbst, sondern jemand der es konnte, der für den Anschluss natürlich Geld verlangte. Heute ist so ziemlich jedes Haus in Zaatari angeschlossen und ganz typisch, wenn ein Schwarzmarkt floriert, ist immer mehr Geld im Umlauf. Kleingewerbe entsteht, vom Friseur bis zum Handyladen gibt es alles und noch vieles mehr. Dies wurde auch gefördert durch die solide und effiziente Verwaltung Kleinschmidts und sein Vertauen in die Menschen selbst. Er schafft Menschen mit einer neuen Chance und nicht Flüchtlinge auf der Suche nach Almosen.

Seine marktwirtschaftliche Krönung fand Zaatari in der “Champs Élysées”, eine Straße voller bunter Läden. Dort werden im Jahr 15 Millionen Dollar umgesetzt. Auch wird nicht mehr einfach nur Mais oder Weizen ausgegeben, sondern jeder Flüchtling bekommt einen elektronischen Ausweis, der gleichzeitig eine einfache Geldkarte ist. Mit dieser können in den örtlichen Läden Bedarfsmittel gekauft werden. Ein Stück Freiheit und Selbstbestimmung wird zurückgegeben -- in der Stadt, die heute die fünftgrößte Jordaniens ist.

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http://emirateswoman.com/2014/08/30/welcome-champs-elysee-zaatari-refugee-camp/#.VLWkMCuG-Jo

Kleinschmidt gab den Flüchtlingen auch Mut sich selbst zu organisieren. “Wir können nicht alles für euch tun”. Vereine haben sich gebildet, so zum Beispiel Kooperationen mit der UEFA oder einer Taekwondo-Schule. In Zaatari gibt es 250 Mädchen die Fußball spielen und über 100 Mädchen die im Taekwondo-Verein sind. Interessant ist hier, sich auch über die Chancen der Migranten klar zu werden. “Hätte es in Südsyrien jemals 150 spielende Fußballerinnen oder Kampfsportlerinnen gegeben?”, fragt Kleinschmidt ins Publikum.

Es ist wichtig Migration nicht als Last, sondern als Chance  zu verstehen. Jeder Migrant kann arbeiten und erwirtschaftet für sich und seine Familie, wo auch immer sie sein mag ein gutes auskommen. Wenn man ihn lässt.

Auf unseren interaktiven Karte findet ihr aktuelle Zahlen und Infos der UNHCR zur Flüchtlingssituation:

in groß: http://actuallynot.de/actuallynot-fluechtlingswege/

Actuallynot Interview:

Mit Dank an Kilian Kleinschmidt
und an das Junge Forum der Gesellschaft für Außenpolitik