Off the beaten path: Eindrücke aus Mosambik

Off the beaten path: Eindrücke aus Mosambik

Karge Steppen und verloren wirkende Bäume ziehen nicht enden wollend an der Flugzeugluke vorbei. In Inhambane/Mosambik landet man hart. Aus dem Roadtrip wurde nichts, weil die Armee die Verbindungsstraße anscheinend abgeriegelt hatte. Wenn man gegen Ende der obligatorischen Auszeit ein neues Land zur temporären Heimat gemacht hat, fällt es meist schwer sich einer gewissen Abgebrühtheit und Besserwisserei zu erwehren. Doch nichts reißt einem diese Fassade so schnell herunter wie die ersten 100 Meter am Flughafen Inhambane (ca. 80m², 3 Zimmer). Vorbei an der Passkontrolle und den Jungs mit den großen Narben im Gesicht, den leeren Augen und den vollen Munitionsgürteln. Nachhall eines bestialischen Bürgerkrieg in Mosambik.

“Out of suffering have emerged the strongest souls; the most massive characters are seared with scars.” -Khalil Gibran

Schon antikes Theater zog seine Dramatik aus einem möglichst maximalen Unterschied zwischen dem Höhepunkt und der darauffolgenden Katastrophe. Mosambik macht es umgekehrt. Verrückt wie wiederstandsfähig Menschen sein können, keine Spur von Selbstmitleid, Depression oder Fatalismus. Vielleicht sollte es heißen “out of suffering the most beautiful souls emerge”. Abstrus, verglichen mit dem ewigen Beschweren, der sowieso-nix-ändern-können-Menatlität, dem wild herum-beschuldigenden Panik schieben und dem im Voyeurismus der Belanglosigkeiten Versinken der deutschen Medien und Gesellschaft.

15 Jahre Bürgerkrieg (1977 -- 1992) -- ungefähr eine Million Todesopfer und eine Wirtschaft und Agrarproduktion die an Subsistenz gerade so heranreicht. Als “starting point” bedeutet das nicht nur Hunger sondern auch, dass viele einen Vater, eine Mutter oder Geschwister beerdigen mussten. 1984 bis 1988 meine Generation steckte in ihren Kinderschuhen oder war noch in der Planung als Robert Gersony und Kollegen die Weltöffentlichkeit mit Berichten von Genozid und Massenvergewaltigungen in der Hochphase des Kriegs schockten. In Inhambane kamen alleine während eines Angriffs 380 Menschen ums Leben. Entführte Kinder wurden militärisch ausgebildet, nachdem sie zu Waisen gemacht wurden und gezwungen für ihre Peiniger zu kämpfen.

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Das heutige Mosambik ist bunt, laut, lacht und singt. Die Sonne scheint, die Wellen brechen, das Meer ist voller Fische, die Arbeit ist hart und das Bier kalt. Easy living in Mosambik. Kein Yoga-Guru, kein Life-Coach, Psychologen wozu? Obwohl Mosambik noch immer eines der ärmsten Länder der Welt ist, fühlt man eine Art Aufbruchsstimmung. Industrie kommt ins Land und große Gasvorkommen wurden entdeckt. Der Tourismus birgt für viele in Tofo Aussichten auf eine rosige Zukunft. Schlagwörter wie Entwicklungspolitik werden jedoch schnell Alltag oder Komödie wenn sich eine achtköpfige Familie eine 5m² große  Hütte teilt und auf dem Dach ein EU-gesponserter Mülleimer als Wasserbehäler thront. Lodges oder Ferienwohnungen der gehobenen südafrikanischen Mittelschicht haben oft genau so ein “Bedienstetenhaus” hinter der Doppelgarage für den Defender und die Jetskies. Verrückte Welt einerseits, andererseits ein relativ sicherer Arbeitsplatz und ein geregeltes Einkommen unabhängig von Ernte, Saison oder Bildungsgrad.

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Foto: Niklas Petschko

Das heuchlerische schlechte Gewissen der Industrieländer erinnert ein bisschen an das Bild der gelangweilten OC Millionäre und ihre Charity-Veranstaltungen, voll süß aber undurchdacht und peinlich gönnerhaft. Bei ein paar Bier erzählt mir ein Umweltingenieur anfangs fatalistisch wie Realität und Politik vor allem nach dem Bürgerkrieg teils surreal kollidierten, die Konzepte aber immer mehr an Momentum und  Selbstständigkeit gewinnen. Man geht neue Wege in der Entwicklungshilfe, gelenkt von Wirtschaftlichkeit und basierend auf Wissenschaft. Er arbeitet an Müllverwertungsanlagen und Recycling. Essentiell, denn Tourismus ist ein dreckiges Geschäft und “unberührte Strände” erfordern ein funktionierendes Abfallmanagment.  Hilfe zur Selbsthilfe, weg von Mitleid und Dinnerparty-Stories über die Kinder in Afrika.

In Tofo wird durch Tofo SCUBA, Diversity und Marine Megafauna Foundation nachhaltigem Tourismus und Umweltschutz der Weg bereitet. Durch das Zusammenarbeiten von Tauchschulen und Forschungseinrichtungen wird nicht nur Tourismus etabliert, sondern durch Schulungen und Seminare auch die Kompetenz geschaffen ihn in erträglichen und dadurch langfristig gewinnbringenden Grenzen zu halten. Man setzt von Anfang an vermehrt auf Solarzellen statt auf Diesel-Generatoren, eine Lehre die man von der touristischen Erschließung Südostasiens mitgenommen hat. Man hat fast das Gefühl in Mosambik bereiten Auswanderer, die vor 10-20 Jahren “The Beach” in Thailand lebten und dem aufziehenden Backpacker-Wahnsinn entflohen sind, den Weg der Tourismus Industrie. Solarzellen werden zwar zum größtem Teil noch von ausländischen Investoren (Hotels, Tauchbasen) benutzt, zeigen aber dennoch das Potential einer dezentralisierten Stromversorgung, schaffen Arbeitsplätze und verbessern die Infrastruktur.

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Foto: Sea Candy Media, Anthony Kobrowiski

Es ist auflandiger Wind und Swell (Wellenberge eines entfernten Unwetters) werden von den Bojen gemeldet. Schlechte Bedingungen fürs Surfen, man braucht eine erfahrene Crew und ein gutes hochseetaugliches Boot um in See zu stechen. Wir sind am kämpfen. Seemeilen dehnen sich ins unermessliche wenn einem Wellenberge den Horizont nehmen und starke Strömungen die Außenborder an ihre Leistungsgrenzen bringen. Ich traue meinen Augen nicht als ich die zwei Jungs vom Markt unter meiner Bude in ihrer Nussschale und mit abgewetzten zersplitterten Rudern sehe, zwei Seemeilen vom rettenden Strand entfernt. Wir fahren weiter und auf meine Besorgnis (blanke Panik) ernte ich Spott: “ Die Jungs machen das jeden Tag, heute Abend sitzen Sie in der Bar wirst schon sehen”. Das Leben für eine paar Dollar riskieren -- jeden Tag -- wenige werden alt. Erzähl diesen Männern welche Fische unter Artenschutz stehen und unbedingt zurück ins Wasser geschmissen werden müssen, auf der stürmischen See weit weit weg von daheim mit einem Paddel und leeren Taschen. Währenddessen zieht ein paar Meilen weiter ein 100 Meter Stahlkoloss malerisch vorbei und deine Thunfischdose wird mit 1000 Schweröl-PS, kilometerlangen Netze und unterbezahlten Akkord-Arbeitern vom Riff ins Discounter-Regal gefischt.

Zuhause angekommen lese ich, die Medien warnen vor einem erneuten aufflammen des Bürgerkrieges in Mosambik. Verrückte Welt.