Foto: Christoph Kürbel

Heimatlos im eigenen Land

Die Situation für diejenigen, die in der Ostukraine ihre Heimat aufgeben mussten, ist fatal. Für Flüchtlinge gibt es so gut wie keine Hilfe seitens der Regierung in Kiev. Katerina hat vor fünf Tagen ihre Wohnung in Avdiivka aufgegeben und ist nun in Kramatorsk in einer Flüchtlingsunterkunft.  Alle Hilfe, die ihr zukommt, ist von freiwilligen Helfern wie Nadiya Khomenko organisiert. Sie hat die Organisation “Country of free People” gegründet und uns dazu einiges erzählt.

Sie ist klein, zierlich und man merkt ihr die Entbehrungen der letzten Tage deutlich an. Ihre ohnehin schon tiefe Stimme ist heiser und schwach. Sie gestikuliert wild mit der linken Hand, während sie im rechten Arm ihr zwei Monate altes Baby fest an sich gepresst hält. Katerina (28) ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und hat heute ein Video im Internet gesehen, das die Zerstörung ihres Wohnblocks zeigt. Sieben Raketen schlugen im Haus und der nahen Umgebung ein.

Sie entschloss sich glücklicherweise schon vor fünf Tagen, alles aufzugeben und ihre Wohnung zu verlassen. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde ihre Heimatstadt Avdiivka, ein Vorort von Donezk, von Mörsergranaten der Separatisten beschossen. Ihr Haus stand direkt neben einem Checkpoint der ukrainischen Armee. Zufälligerweise waren wir zur selben Zeit ebenfalls vor Ort und erlebten den Beschuss am eigenen Leib. Avdiivka ist jetzt zweigeteilt zwischen Separatisten und ukrainischer Armee und bevor Katerinas Haus von der Armee komplett zerstört wurde, haben Separatisten alles durchstöbert und geraubt.

Foto: Hannes P. Albert

Foto: Hannes P. Albert

Vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen arbeitete Katerina in der örtlichen Kokerei. Avdiivka wurde Mitte April von den Separatisten eingenommen und auch ihre Fabrik fiel in die Hände der Rebellen. Kurze Zeit später stoppte die Zentralregierung in Kiev die Auszahlung aller Löhne in den Separatistengebieten. Es gab also auch für Katerina keine Möglichkeit mehr an Geld zu kommen. Gleichzeitig begann die ukrainische Armee mit dem Beschuss der Randgebiete von Donezk, um die Stadt wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem die Stadt zurückerobert wurde, war die Fabrik zerstört und das Dauerfeuer auf die Stadt begann wieder von den Separatisten aus Donezk. Ihr jüngstes Kind brachte sie zu dieser Zeit im Keller ihres Wohnhauses zur Welt, während die Stadt vor zwei Monaten schonmal unter Beschuss geriet. Da nun auch keine Waren mehr in die Vororte gelangten, verdoppelten sich die Preise auf den Märkten. Auch die Fernversorgung der Häuser mit Strom, Wasser und Gas wurde unterbrochen. Deshalb musste Katerina zum Beispiel die Milch für ihr Neugeborenes über einer Kerze erhitzen.

Solidarität in der Bevölkerung

Foto: Hannes P. Albert

Foto: Hannes P. Albert

Mehr als 824 000 Vertriebene verzeichnet die UNO in der Ukraine. Davon sind fast 430 000 von ihnen im eigenen Land unterwegs. 387 000 Menschen sind nach Russland geflohen und 6 600 haben Asyl in der Europäischen Union beantragt (Radio France Internationale). Nadiya Khomenko war früher eine Geschäftsfrau, ihr Mann ist Pastor. Auch sie musste ihr Geschäft aufgeben, als die Separatisten die Kontrolle übernommen haben. Als in ihrer Gegend auch orthodoxe Priester getötet werden, fliehen sie. Hier in Kramatorsk haben sie anfangs damit begonnen im Untergrund Flüchtlingstransporte zu organisieren. Jetzt, wo die ukrainische Armee das Gebiet wieder unter Kontrolle hat, bringen sie Flüchtlinge auch hier unter. Vor zwei Monaten konnten sie erst ihre Organisation “Country of free People” offiziell anmelden. Seitdem konnten sie fast 2000 Menschen helfen eine Wohnung zu finden, ihren Flüchtlingsstatus vom Staat anerkennen zu lassen und ihnen auch psychologisch beistehen. Den Status als Flüchtling zu erlangen ist nicht einfach, da jeder Flüchtling unter dem Verdacht steht, Sympathisant der Separatisten zu sein und die sollen nichts bekommen.

Im Haupthaus, in dem sich auch Nadiyas winziges Büro befindet, wohnen insgesamt sechzig Frauen und Kinder. Die Küche befindet sich im Keller des Gebäudes und dient auch gleichzeitig als Bunker, falls der Beschuss auch in Kramatorsk wieder beginnt. Einen Evakuierungsplan gibt es nicht. Viele der Frauen sind gebrechlich und sehr alt. Selbst sie bei einem Beschuss in den Keller zu bringen scheint eine unlösbare Aufgabe. Ebenfalls im Keller befinden sich die Kleiderspenden. Eine alte Frau und ein kleines Mädchen sortieren das völlig unübersichtliche Kleiderchaos. Die Bereitschaft der umliegenden Bevölkerung für Sachspenden ist sehr groß. Aber gerade Verbrauchsgüter, wie Windeln und Babynahrung sind sehr knapp und von der Regierung ist keine Hilfe zu erwarten. Im ukrainischen Fernsehen wurde verkündet, dass 26 Tonnen Nahrung in Kramatorsk angekommen seien. Das ist nie passiert. Zwischen der Regionalregierung und Organisationen, wie “Country of free People” oder “SOS-Kramatorsk”, gibt es keine Kommunikation mehr. Dabei wäre es schon ein erster Schritt ihnen die Rechnungen von Strom, Wasser und Gas zu erlassen. Die können sie nicht bezahlen und der Winter beginnt jetzt.

Auch der Versuch internationale Organisationen um Hilfe zu bitten, sind bislang ergebnislos geblieben. Seit in Donezk das Rote Kreuz beschossen wurde und ein schweizer Mitarbeiter getötet wurde, haben die meisten Organisationen ihre Hilfe eingestellt. Dennoch werden Nadia und ihr Team nicht müde, weiter Briefe zu senden. Am Tag zuvor war allerdings ein Team von Human Rights Watch for Ort und suchte Beweise und Zeugen für Folter und Menschenrechtsverletzungen aller Art. Mit einem Report dieser Gruppe könnte Nadiya der Dringlichkeit ihrer Bitten mehr Nachdruck verleihen. Das allerdings kann dauern. Außerdem arbeiten internationale Organisationen immer mit der Regierung zusammen. Sie verschätzen sich aber gerade bei der ukrainischen Regierung bezüglich des Grades der Korruption. Die Hilfe versickert in den Mühlen der Bürokratie.

Gestern hat nun auch der einzige Drucker im Haus den Geist aufgegeben. Für alle unterlagen muss jetzt jemand zum Copyshop rennen.

Foto: Christoph Kürbel

Foto: Christoph Kürbel