Das Slum Okhla कुछ भी संभव है

Dies ist ein Bericht aus Delhi, Indien. In der Hauptstadt, die 22 Millionen Einwohner hat. Selber lebe ich in einem Ort, der Govind Puri heißt. Unsere bunte Gasse ist lebendig, Arbeiter bieten morgens auf Fahrrädern ihre Dienstleistungen an, zum Bespiel Bau, einige fahren mit Schubkarren hindurch und rufen das saisonale Obst und Gemüse aus, draußen stehen sowohl Frauen als auch Herren, die für ein paar Cent Kleidung mit einem Kohlebügeleisen glätten, viele Männer mit Nähmaschine sitzen und warten auf Geschäft, ein Bäcker, der den ganzen Tag Chapatifladen in die Luft wirft und ein Elektroladen, der jedes Kabel lötet. Es gibt auch einige Läden, die kleine Plastiksteinchen verkaufen, oder Pflegeprodukte oder einfache Kioske, wo man sein Wasser kaufen kann, oder auch mal eine ‘thumbs up’.

Foto: Linda Dammermann

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Unsere Gasse ist bewohnt von der Mittel bis mittleren Unterschicht. Was das genau heisst, weiß man nie so ganz. Wie so viele Dinge in Indien, die man einfach nicht begreifen kann. Unsere Nachbarn arbeiten zum Beispiel bei der Bank. Das hört sich im ersten Moment sehr gut an, aber der Lohn eines studierten Bankangestelleten ist immernoch weit unter unserem Durchschnittsgehalt. Die Handwerksleute leben von der Hand in den Mund und die Wohnungen hier werden mit bis zu 10 Leuten geteilt. Viele der Hundertausend Rikshaw Fahrer schlafen nachts in Ihren Wagen, fahren garnicht erst nach Hause oder haben keines.

Foto: Linda Dammermann

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Ich gehe ich drei Gassen weiter, dort sperrt die Polizei oftmals abends zu. Und gehe ich noch zwei Gassen weiter, dann sieht alles etwas anders aus. Da fängt die Slumgegend an.

Definition Slum: Segregiertes Wohngebiet, beziehungsweise eine informelle Siedlung, mit Häusern einer schlechten Bausubstanz, mangelhaften Ressourcen, sowie schlechter Müllbeseitgung, Kanalisation, Wasserzufuhr, Lebensmittelversorgung…

Bevor ich in Delhi ankam hatte ich Slums in Bombay schon einmal gesehen, sowohl live als auch aus der Luft. Schockierend weitläufig. Hier erlebe ich Slums mitten zwischen den Häusern und langsam erstreckend über ein komplettes Industriegebiet. Das Gebiet heisst Okhla und ist in zwei Phasen eingeteilt. Hier sind viele Fabriken angesiedelt, die ihren Müll hier lagern. Die Schule, in der wir arbeiten ist auf einem dieser Müllhaufen gebaut. Gleich dahinter sind Bahngleise, dort werden häufiger mal Leichen gefunden, sagte man uns. Jeden morgen kommen tausende Menschen bei uns vorbei, auf der Durchreise zur Arbeit, auf der Suche nach Arbeit. Wir haben einen kleinen Tempel mit Baba direkt vor der Schule, ein Slumtempel, alle segnen ihn im Vorbeigehen. Man sieht Hemdträger und kaum bekleidetet Menschen. Alles tummelt sich.

Foto: Linda Dammermann

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Unsere verzottelten Schüler warten vor der Tür und grüßen uns im Chor “Good morning Ma’am, good morning Sir”.  Ein Fakt: Ich bin nun seit 4 Wochen hier und habe nicht ein einziges Kind weinen sehen oder hören. Die Kinder kennen ihren Platz, wissen was sie dürfen und nicht dürfen.  Aber hier wissen die Kinder schon im jungen Alter, dass sie hart im Nehmen sein müssen, dass Bildung beinah das Einzige ist, was ihnen eine Laufbahn raus aus dem Slum geben wird. Wenn die Kinder etwas falsch machen, bekommen sie oftmals eine Backpfeife. In Deutschland wäre das Jugendamt längts eingeschaltet und wir hätten Eltern in Aufruhr. Hier ist es normal. Wenn wir den Kindern Aufgaben stellen, haben sie ständig Angst etwas falsch zu machen, zu dem wird hier nur abgeschrieben und auswendig gelernt. In den staatlichen Schulen sitzen die Kinder teilweise mit bis zu 200 anderen in einer Klasse.

Foto: Linda Dammermann

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Project Why, das Projekt oder die Schule in der wir arbeiten, dient zur Nacharbeit, um Fächer zu vertiefen, das Curriculum nochmal zu bearbeiten, mehr Selbstbewusstsein zu erlangen. Auch wenn mir jede Backpfeiffe in der Seele weh tut, sind die Lehrer trotzdem gut zu den Kindern. Sie unterstützen es, wenn die Mädchen Nähkurse machen um in den Arbeitsmarkt eintreten zu können. Mathe und Naturwissenschaft wird ihnen näher gebracht, es werden Experimente durchgeführt, durch die Voltäre erlangen die Kinder etwas Selbstbewusstsein im Sprechen. Wenn man sagt “very good” sind sie so stolz, dass sie etwas richtig gemacht haben.

Foto: Linda Dammermann

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Nun ist das Unterrichten sehr kompliziert unter genannten Aspekten und auch wenn wir mittlerweile etwas Hindi sprechen, kommt man kaum voran. Außerdem ist mir bewusst geworden, dass das Helfersyndrom langsam schwindet. Auch wenn mich die Kulleraugen jeden Tag glücklich machen, so werde ich wieder gehen und der Alltag dieser Kinder wird sich wohl kaum ändern. Denn die Realität ist, dass von 250 Schülern, die wir täglich unterrichten, es wohl nur eine Hand voll tatsächlich in weitere Bildungen schaffen. Eltern, Gesundheit, Lebensumstände, schlechte Ernährung werden weiterhin ein Problem darstellen. Die Kinder haben alle ein bis maximal zwei Outfits, viele davon wurden schon mehrfach genäht. Letztens hat bei einem meiner Schüler der Penis rausgeguckt. Genitalien sind oftmals ungeschützt, ihre Haut ist übersäht mit Pickeln von der Luftverschutzung oder Unternährung, die Mädchen haben geschorene Haare um Ungeziefer zu vermeiden. Die Eltern sind entweder arbeitslos oder suchend oder nur teilweise beschäftigt, aber es reicht niemals um die Kinder vollständig zu versorgen.

Foto: Linda Dammermann

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Mädchen und Jungen: Ja, Mädchen in der unteren Schicht sind nach wie vor irgendwie “weniger wert”, wobei in meiner Klasse das nicht ganz so erschien. Ein größeres Problem stellen Kinder mit Behinderungen dar. Project Why hat ebenfalls eine gesonderte Klasse für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und geistgen Behinderungen. Sie werden morgens vom Slum angeholt und werden in Govin Puri unterrichtet (wo ich auch lebe). In ihrer Familie sind sie nichts wert. Ein Mädchen das ich kennenlernen durfte, Preeti, ist verkrüppelt, sie läuft auf Ihren Händen. Sie schläft auf dem Dach der Blechhütte, das ist ihr Platz. Trotz ihrer Abscheu schienen die Eltern genügend Sinn zu haben, sie den Tag über bei dem Projekt unterzubringen, sodass sie Englisch sprechen lernt. Preeti lernt Englisch und macht ein Exam in Computerskills, um einen Job bekomen zu können. Wenn sie das schafft, dann kann sie beispielsweise Rezeptionistin werden oder in einem Callcenter arbeiten. Wenn sie Geld nach Hause bringt, darf sie vielleicht auch drinnen schlafen, weil sie dann Profit in die Familie bringen würde. That’s the way.

Foto: Linda Dammermann

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Dies ist eine Vorstellung der ärmeren Seite Indiens. Zugegeben versucht die Regierung einiges, um den Lauf der Dinge zu verbessern. Es läuft alles, jeden Tag. Der Bus kommt, meist zur pünnktlichen Zeit und 22. Millionen Menschen sind täglich effektiv on the go. Das Slum Okhla bekommt zwei Mal pro Woche Wasser Zugang. Den Rest der Zeit leben die Menschen ohne laufendes Wasser, aus Kanistern zum Beispiel. Plötzlich sieht man alle mit sämtlichen leeren Behältnissen zu den Wasserzugängen rennen, gar sprinten, wer zuerst kommt, duscht zuerst. Auch Regen hat etwas heiliges. Wenn es regnet, ist die Schule meistens sowieso unter Wasser und wir müssen den Unterricht abbrechen, alle Kinder rennen raus und tanzen im Regen. Fritiertes Samosa mit Masala Chai. Das macht man hier, wenn es regnet.

In Indien lernt man schnell, das Glaube, Kultur, Essen und alle Bräuche die dazu praktiziert werden auf all diese Gegebenheiten Einfluss haben. Ich hatte das Glück, besonders die Stadt Delhi, auch von einer komplett anderen, intelektuellen und kulturellen Seiten kennenlernen zu dürfen, was mir verholfen hat viel zu verstehen -- im Großen und Ganzen. Die Unterhaltungen mit Menschen aus jeglichen Kreisen lassen einen so viel lernen. Die indische Kultur ist ein Grundstock vieler Kulturen, was uns oft nicht bewusst ist. Die Inder haben das Zählen von 0 bis 10 ermöglicht, das Dezimalsystem kommt aus diesem riesen Kontinent und sie waren die Ersten, die gewebt haben und die Waren dann gehandelt haben. Man kann das alles, was man hier so sieht und erfährt nicht in einen Artikel quetschen, es ist viel zu komplex.

Doch wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, mich selber nicht mehr so wichtig zu nehmen. Hier sind so viele Menschen, Schicksale und so viele Interpretationen vom Leben. Das Beste aus Allem zu machen ist wohl am wichtigsten.

In Indien sagt man “sab kuch milega” -- Anyhing is possible.

Foto: Linda Dammermann

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