RE: Kobane – eine kalkulierte Niederlage?

Dennis ist in seinem Artikel über Kobane (Kobane -- eine kalkulierte Niederlage?) besonders darauf eingegangen, dass sich die Türkei von einem Einsatz von Bodentruppen in Nordsyrien distanziert, weil dadurch der Machthaber Assad gestärkt würde. Ich möchte hier noch einige andere Gründe anführen, weshalb die Türkei sich weiter in Zurückhaltung übt. Zum einen die türkische Rolle im Aufbau des IS und zum anderen die staatlichen Strukturen der Kurden, die die Türkei nicht will.

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Zuallererst muss klar sein, dass seit der Regentschaft Erdogans die Türkei einen klaren Rechtsruck erlebt hat und Erdogan sich selbst immer weiter von demokratischen Prozessen befreit. Eine Reihe von Ereignissen und Beschlüssen sind dafür exemplarisch. In der säkularen Türkei war es lange verboten im Parlament Kopftuch zu tragen. Erdogan hat dieses Verbot aufgehoben. Erdogan forderte die Geschlechtertrennung in türkischen Wohnheimen. In seiner Justizreform beschneidet er die säkulare Justiz.

Gerade wenn man sich die Entwicklungen in Syrien ansieht, wird deutlich, das für das Wort Islamist in der Türkei andere Maßstäbe herrschen als im Rest der NATO. So hat die Türkei von Beginn an die Rebellen gegen Assad unterstützt und das sogar bis zu einem Zeitpunkt an dem schon völlig klar war, dass der Großteil der Rebellen mittlerweile einen heiligen Krieg, einen Dschihad, kämpft. Die Türkei wird auf dem Auge nicht blind gewesen sein und auch genau gewusst haben, wen sie unterstützt haben. Die Grenze zu Syrien bleibt offen für all diejenigen, die sich im Bürgerkrieg engagieren wollen. Sie kommen aus Libyen, Tunesien oder Ägypten und können über die Türkei leicht in ihr Einsatzgebiet gelangen. Aber ist das alles nur dazu da, Assad zu stürzen?

Denn Islamismusvorwurf darf sich Erdogan schon lange anhören. Und wenn man betrachtet, wie er die Sanktionen der USA gegen den Iran verurteilt oder die Blockade des Gazastreifens angreift, dann merkt man eben, das der Islam Einzug gehalten hat in die türkische Politik. Und wenn nun die Türkei mit Bodentruppen gegen die selbst inszinierte islamische Revolution in Syrien vorgeht, so wäre das innenpolitisch für Erdogan ein Desaster. Das ist nicht zuletzt an den gewaltsamen Protesten der letzten Tage und an den Schießereien mit Islamisten in Dyabakir abzulesen. Hier beschießen sich mal wieder Kurden und Türken.

Aufbauhilfe für Kurdistan

Der zweite Punkt auf den ich eingehen möchte schließt genau hier an. Denn die YPG (Syrische Kurdenpartei), die mit allen Mitteln versucht Kobane zu halten, sympathisiert offen mit der PKK. Die PKK ist jedoch auch im Westen als Terrororganisation eingestuft und ihr Anführer Abdullah Öcalan sitzt seit 1999 im Gefängnis. Die PKK, so wie auch die YPG arbeiten maßgeblich am Aufbau eines Staates Kurdistan. Dieser Staat soll sich über alle von Kurden besiedelten Gebiete erstrecken und alle 40 Millionen Kurden integrieren. Die Staat Kurdistan hätte definitiv Gebietsforderungen in der Türkei. Wenn die Stadt Kobane fällt, so ist das eine Niederlage für die YPG und damit für einen künftigen Staat Kurdistan.

http://cdncms.todayszaman.com/todayszaman/2014/09/22/192915_newsdetail.jpg

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Der türkische Vorschlag, in Nordsyrien mithilfe weiterer Bodentruppen aus der Koalition gegen den IS eine Schutzzone einzurichten, kann lange brauchen, bis er verwirklicht wird. Vor allem, weil die Türkei einen Alleingang ausschließt. Die Kurden direkt im Kampf zu unterstützen, würde im Hinblick auf den Kurdenkonflikt, den die Türkei noch lange nicht überwunden hat, aus Sicht der Regierung keinen Sinn machen. Dass eine menschliche Katastrophe bevorsteht und, dass sich die Zurückhaltung moralisch nicht rechtfertigen lässt, steht auf einem anderen Blatt.