Neue Partnerschaften im Irak

Wie hat Nuri al-Maliki es eigentlich geschafft Gruppierungen mit so unterschiedlichen Zielen für einen gemeinsamen Kampf gegen den Staat Irak zu mobilisieren? Kämpfer der Baath-Partei Sadam Husseins mit den salafistisch-islamistischen Gotteskriegern der al-Quaida nahen ISIS auf der einen Seite. Die irakischen Kurden verlassen sich nicht auf den Irak und profitieren jetzt von ihrer Sonderstellung. Auf der andern Seite vereinen sich die eigentlichen Todfeinde Iran und USA, um den Staat Irak vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Was ist da los?

Einflussgebiet der ISIS http://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Staat_im_Irak_und_in_der_Levante#mediaviewer/Datei:Territorial_control_of_the_ISIS.svg

Einflussgebiet der ISIS
http://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Staat_im_Irak_und_in_der_Levante#mediaviewer/Datei:Territorial_control_of_the_ISIS.svg

 

Der Irak ist ein von Gewalt und Unsicherheit geprägtes Land. Seit dem Abzug der US-Truppen hat sich dieses Problem noch weiter verschärft. Bombenanschläge sind in Bagdad an der Tagesordnung. Die schiitische Regierung, die von den USA unter dem Deckmantel demokratischer Wahlen eingesetzt wurde, sorgt vor allem für die Schiiten im Land. Die Unzufriedenheit, vor allem der sunnitischen Bevölkerung hat einer Terrororganisation den Weg geebnet, den Staat Irak im Ganzen in Frage zu stellen. Die ISIS hat seinen Vormarsch nicht im Alleingang organisiert. Ihre Verbündeten sind allerdings alles andere als ewig treue Bündnispartner.

ISIS, Baath und sunnitische Stammesführer

http://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Staat_im_Irak_und_in_der_Levante#mediaviewer/Datei:Flag_of_Islamic_State_of_Iraq.svg

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Die ISIS möchte ein Kalifat errichten, dass sich transnational über Syrien und den Irak erstreckt, aber grundsätzlich auch den Libanon und Israel mit einschließt. Alle sunnitischen Araber sollen unter streng islamischer Rechtsstaatlichkeit vereint werden. Von den Vereinten Nationen wird die ISIS als al-Quaida nahe Terrororganisation eingestuft. Die militärische Offensive, die die ISIS im Irak begonnen hat und die im Nordirak durschlagende Erfolge verbuchen konnte, wurde jedoch nicht nur von Djihadisten und Salafisten getragen.
Die Naqshbandi Army ist eine Miliz, die sich aus Anhängern der Baath-Partei Sadam Husseins rekrutiert. Sie hängen immernoch an der Vorstellung einer Herrschaft über den gesamten Irak, wie sie 2003 von den USA zerschlagen wurde. Die Baath-Partei ist aber ganz im Gegensatz zur ISIS keine religiös motivierte Truppe, sondern will einen sozialistischen Staat im Irak aufbauen, der über religiöse Grenzen Hinweg Einheit schaffen will. Wichtig ist dabei die Unabhängigkeit von einstigen Kolonialmächten und eine säkulare Form des islamischen Sozialismus. Damit kommen sie ideologisch mit den Kämpfern der ISIS auf keinen grünen Zweig.
Was sie vereint ist einzig die Ablehnung der schiitischen Regierung Nuri al-Malikis in Bagdad.

Unterstützung kommt aber nicht nur von den alten Eliten, sondern vor allem auch aus den völlig unübersichtlichen Wirren des syrischen Bürgerkriegs. Hier sind es vor allem die al-Nusra Brigaden, die sich von der FSA (Freie syrische Armee) abgespaltet haben und diese mittlerweile Bekämpfen. Auch sie sind salafistische Kämpfer und durch sie bietet sich der ISIS im Grenzgebiet zwischen Irak und Syrien ein Rückzugsgebiet, sowie zahlreiche Versorgungswege.

Die Eroberung von Mossul und der Vormarsch auf Bagdad sind Erfolge, die sich die ISIS auf die Fahnen schreibt, die aber hauptsächlich auf den sunnitischen Unterstützern und der Auflösung der irakischen Armee beruhen. Die Zugeständnisse, die die Regierung al-Malikis nun machen muss, lassen das Bündnis mit der ISIS aber bröckeln und die Armee wieder erstarken.

Eine kurdische Sonderstellung

http://de.academic.ru/pictures/dewiki/65/Autonome_Region_Kurdistan_%28Karte%29.png

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Seit der Anerkennung der kurdischen Autonomieregion in der irakischen Verfassung von 2005, verfügt irakisch Kurdistan über ein eigenes Gebiet, ein eigenes Parlament und eine eigene Armee (Peschmerga, 110.000 Mann stark). Durch die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung und dem US-Militär ist die militärische Stellung irakisch Kurdistans komfortabel. Gut ausgerüstet und dank angemessener Bezahlung loyal, ist die Peschmerga eine Bedrohung für die ISIS und ein Garant für eine relative Sicherheit der kurdischen Gebiete. Die Sonderstellung der Kurden im Irak macht die Peschmerga außerdem zum Verbündeten der irakischen Armee. Ein Zusammenbruch des irakischen Staates mit möglicher Verfassungsänderung liegt nicht im kurdischen Interesse.

Eine Allianz mit der Achse des Bösen

Der Iran, von George W. Bush noch als Teil der Achse des Bösen bezeichnet, scheint in diesen Tagen ein leichter Ausweg für die USA aus der Krise im Irak zu sein. Offen bot Rohani dem Irak seine Unterstützung an und sprach sogar von einer militärischen Zusammenarbeit mit den USA. Seit über 30 Jahren herrscht Funkstille zwischen Teheran und Washington, aber die USA wollten drüber nachdenken. Denn mit einem so starken Player auf ihrer Seite, müssen die USA keinen Fuß mehr in den Irak setzen. Es gibt wohl keinen unpopuläreren Militäreinsatz in der Geschichte der USA.

http://fc09.deviantart.net/fs49/f/2009/178/d/2/Iran_crisis_by_Latuff2.jpg

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Doch warum ist der Iran so eifrig, wenn es um Unterstützung für den Irak geht, mit dem im ersen Golfkrieg noch Krieg herrschte? Der Grund ist die neue Regierung in Bagdad, die schiitisch ist, genau wie das Mullah-Regime im Iran. Das macht sie zu Brüdern im Geiste und gibt dem Iran die Möglichkeit einen zweiten schiitischen Staat als Verbündeten in der Region zu gewinnen und aufzubauen. Gleichzeitig ist ein Gottesstaat, wie ihn die ISIS gründen will, und das Kalifat, das sie bereits ausgerufen haben, eine zu große Bedrohung für den Iran. Der religiöse Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten würde sich in einem Krieg entladen, den der Iran vermeiden will.

Können sich die USA eine militärische Kooperation mit dem Iran erlauben, ohne dabei jegliche Glaubwürdigkeit ihrer Ziele (Menschenrechte, Demokratie, Freiheit) zu verlieren? Wahrscheinlich nicht. Und deshalb auch der fast schon verzweifelte Hilferuf an die Vereinten Nationen, gemeinschaftlich in diesem Konflikt zu agieren und ISIS zu bekämpfen, denn der Machtgewinn für den Iran wäre für die USA nicht akzeptabel. Aber bis die Vereinten Nationen eigreifen, kann viel Zeit vergehen. Mittlerweile hat der Iran schon Drohnen in den Irak geschickt.

Die Regierung in Bagdad

Nuri al-Maliki ist ein Schiit und er macht Politik für Schiiten. Dass es im Irak aber noch viele weitere Volksgruppen und Religionsgemeinschaften gibt, hat er gänzlich übersehen. Zur Not geht man mit Gewalt gegen die anderen Konfessionen vor und setzt dazu die al-Haq-Brigaden ein. Da wundert es doch kaum, dass diese Regierung unter Druck gerät. Obama fordert mittlerweile offen den Rücktritt al-Malikis und seiner gesamten Regierungsmannschaft. Der Iran hat sich dazu nicht geäußert, sondern unterstützt die Regierung weiter mit Waffen und zur Not auch mit Soldaten.

Ziele:

USA:
Für die USA ist der Irak-Krieg schon seit Jahren ein fast schon lästiges Problem, denn es zeigt auf, wie leicht eine Supermacht, die von sich behauptet Frieden und Demokratie stiften zu wollen, den größten Image-Schaden seiner Geschichte erleiden kann. Und nun da Obama es geschafft hat die US-Soldaten abzuziehen, soll er wieder eingreifen? Schuldig wären die USA es dem Land, das sie in Chaos und Gewalt zurückgelassen haben. Doch die Devise lautet: Möglichst schnell raus! Und da geht man zur Not auch bedenkliche Partnerschaften ein. Vorerst jedoch muss Zeit gewonnen werden, in der Hoffnung, dass es ein UN-Mandat für einen Eingriff der Vereinten Nationen geben wird. Allzuviel Zeit dürfen sie sich aber auch nicht lassen, denn der Iran gewinnt an Einfluss und das ist das letzte was die USA wollen.

Iran:
Für den Iran bietet sich dank der inneren Unruhen im Irak die Möglichkeit, den lange währenden Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten relativ offen auszutragen. Und zwar nicht auf dem eigenen Territorium. Man könnte schon fast von einem Stellvertreterkrieg sprechen, wenn man den Annahmen glauben schenkt, die ISIS würde unterstützt von Katar und Saudi-Arabien. Da die Unterstützung bisher nur als private Zahlungen von Scheichs existieren, sind diese Staaten aber fein raus. (BTW: Deutschland liefert Waffen an Saudi-Arabien). Für den Iran sind die militärischen Erfolge der ISIS eine große Bedrohung. Der Vorteil ist, dass die irakische Armee unter schiitischer Führung ist und sich so relativ leicht mit einem Hilfegesuch al-Malikis eingreifen lässt. Der Iran wird nicht zulassen, dass das Kalifat der ISIS Bestand hat.

 

Dazu ein sehr informativer Beitrag:

via Al Jazeera

 

Quellen:

http://www.aljazeera.com/programmes/countingthecost/2014/06/iraq-money-behind-rebellion-201462431635271792.html

http://blogs.telegraph.co.uk/news/damianthompson/100276395/isis-invades-iraq-this-is-a-war-of-religion/

http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-unterstuetzt-irak-mit-drohnen-gegen-isis-kaempfer-a-977566.html

http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-06/isis-irak-syrien-kalifat-usa-barack-obama

http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-06/irak-bagdad-isis-vereinte-nationen-ban-ki-moon

http://www.hintergrund.de/201406203125/kurzmeldungen/aktuell1/ban-ki-moon-fuer-us-militaereinsatz-im-irak-kein-un-mandat-noetig.html

 http://en.wikipedia.org/wiki/Army_of_the_Men_of_the_Naqshbandi_Order

http://de.wikipedia.org/wiki/Baath-Partei

http://de.wikipedia.org/wiki/Peschmerga

http://www.focus.de/politik/ausland/auch-kooperation-mit-usa-denkbar-ruhani-iran-bietet-irak-hilfe-gegen-die-terrorgruppe-isis-an_id_3921074.html

http://en.wikipedia.org/wiki/Asa%27ib_Ahl_al-Haq

http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Nusra-Front