Foto: Majid

Majid: Von Damaskus nach München

Hallo Menschen. Ich bin Eric und habe ein Interview mit Majid aus Damaskus geführt. Wenn ich keine Interviews führe, schreibe ich an meiner Bachelorarbeit in Komparatistik, mach im Club Leute besoffen und präsentiere zeitgenössische Hau-Drauf-Künstler. Hier Majids Geschichte:

Foto: Majid

Foto: Majid

Es ist Samstag, 17 Uhr und nachdem ich mich am Vortag mal wieder den trivialen Verlockungen unseres Nachtlebens hingegeben habe, ist bis auf eine Dusche noch nicht viel passiert. Praktischerweise habe ich mich um 18 Uhr mit Majid in einem kleinen libanesischen Restaurant verabredet, das Frühstück ist also gerettet, auch wenn es mir samt meines westlichen Restalkoholhumors schon ziemlich bald im Hals stecken bleiben wird.

Majid ist noch nicht lange hier, genau genommen seit dem 17. September und er ist erst 18 Jahre alt. Seine Familie musste er in Syrien zurücklassen. Wie viele andere seiner Landsleute ist Majid vor dem Krieg geflüchtet. Ende September hat die Humanitäre Organisation der Europäischen Union einen Bericht zu den Flüchtlingsströmen veröffentlicht, der noch einmal verdeutlicht, welches Ausmaß der seit Anfang 2011 wütende Bürgerkrieg mittlerweile angenommen hat.

„Demnach wurden bislang mehr als zwei Millionen Flüchtlinge registriert – die Hälfte davon Kinder. Weitere 4,2 Millionen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Echo geht davon aus, dass die Zahl derjenigen, die in Nachbarländer fliehen, bis Ende des Jahres auf 3,4 Millionen anwachsen könnte.“

An dieser Stelle würde sich der geneigte SPON-Redakteur wohl endgültig vom einleitungsdienlichen Einzelschicksal lösen, um dann im abschließenden Absatz darauf zurückzukommen. Das passiert hier nicht. Denn an der Linie, an der der klassische Reportagenstil vom Mikrokosmos in den Makrokosmos springt, gehen Dinge verloren, die einer Erwähnung bedürfen. Geht die Möglichkeit abhanden, die Lage eines Menschen zu verstehen, der hier alleine angekommen ist und alles hinter sich zurücklassen musste, das ihm einmal wichtig war. Es soll wiederum auch nicht mit gutmenschlicher Zeigefingerattitüde darauf hingewiesen werden, wie schlecht es denen dort und wie gut es uns hier geht. Fakt ist, dass beide Realitäten existent sind und nebeneinander stehen können müssen, so unterschiedlich sie auch sein mögen.

Weg von daheim

Bevor Majid Syrien verlassen muss, lebt er mit seiner Familie in Damaskus. Er hat drei Geschwister im Alter von 10, 14 und 23 Jahren. Neben seiner Lehre als Elektriker verdient er sich in einem der vielen Straßenimbisse etwas dazu -- in seinem werden Humus und Fatteh serviert. Seine größte Hoffnung gehört allerdings dem Fussball, denn seit einiger Zeit spielt er bei der syrischen U18 Nationalmannschaft. Als er in einer alltäglichen Situation an einer Straßensperre vorbeigeht, ändert sich in Sekunden sein Leben. Majid wird während eines Feuergefechts von zwei Kugeln ins Bein getroffen, bis heute weiß er nicht von welcher Seite die Kugeln kamen. Einige seiner Freunde kamen auf ähnliche Weise ums Leben, doch er sagt lediglich, dass er nicht auf der Seite des Regimes stehe. Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse in Majids Erzählung, es scheint alles sehr schnell gegangen zu sein, und bis heute etwas irreal auf ihn zu wirken. Am Tag seiner Verletzung fahren ihn seine Eltern noch in ein Krankenhaus im Libanon. Die Grenzen sind im Gegensatz zum heutigen Zeitpunkt noch leicht überwindbar. Auf meine Nachfrage, warum nicht seine ganze Familie in den Libanon geflüchtet sei, erklärt mir Majid, dass das Geld dafür nicht gereicht hätte. Seine Eltern geben ihm also Geld für einen Flug nach Ägypten und die Flucht und kehren zurück nach Damaskus.

Der Weg nach Europa

Foto: Majid

Foto: Majid

In der Hafenstadt Alexandria – Majid ist mittlerweile mit einem Freund unterwegs -- scheint es nicht allzu schwer zu sein, einen Schmuggler zu finden, der einen auf ein Schiff Richtung Europa bringt -- vorausgesetzt man hat die nötigen 3500 Dollar parat. Da Majid die Unterhändler umgehen kann, muss er „nur“ 2600 Dollar zahlen. Mit vollem Gepäck wollen die beiden Jungs auf das Schiff. Man wird von kleinen Booten dort hingebracht und fatalerweise lassen sie sich darauf ein, ihr Gepäck separat rüberbringen zu lassen. Sie haben nun nur noch Kleidung, Ausweis und Wertsachen am Körper, alles andere wurde geklaut. In Badelatschen und ohne Proviant findet sich Majid also auf einem Schiff wieder, das vielleicht für ein Viertel der 160 Passagiere ausgelegt ist. In den ersten Tagen gibt es gefrorene Wurst und Brot von dem sie den Schimmel runterkratzen müssen. Am fünften Tag treffen die Flüchtlinge auf ein anderes Schiff, das gerade am Sinken ist. Es kommen weitere 160 Personen hinzu. Eine Frau wird bei diesem Manöver zwischen den beiden Schiffen eingequetscht. Kurz darauf ist der Wassertank leer und um zu überleben wird versucht, dass Salzwasser durch T-Shirts zu filtern. Alle Fotos die ihr auf dieser Seite bestaunen könnt, musste Majid verdeckt schießen, da er Gefahr lief, von den Schmugglern dabei ertappt zu werden. Nach 8 Tagen auf hoher See und 8 regnerischen, eiskalten Nächten beginnt das Schiff 1,5 Tage vor Italien mit Wasser vollzulaufen, sodass die Flüchtlinge versuchen, mit Eimern das Sinken zu verhindern. Glücklicherweise erreicht ein abgesetzter Notruf das Rote Kreuz und alle Passagiere können lebendig geborgen werden.

 Ein “freundlicher” Empfang

Majid wird mit seinem Kollegen und allen anderen in einem Camp in Siracusa untergebracht, in dem man sich zwei Tage erholen soll, um dann Asyl zu beantragen. Da Majids Ziel aber Deutschland ist, flieht er zwei Stunden zu Fuß aus dem Camp und macht sich auf den Weg nach Rom, um von dort nach Mailand zu gelangen. Da er so schnell wie möglich Italien verlassen möchte, entscheiden sie sich über Frankreich nach Deutschland zu reisen, auch wenn dieser Weg uns Europäern eher schleierhaft erscheinen mag. Tatsächlich erweist sich diese Entscheidung als großer Fehler, denn dort werden sie von der französischen Polizei aufgegriffen und heftig verprügelt.

Foto: Eric Schönemeier

Foto: Eric Schönemeier

Majid: “Wir wurden ziemlich kurz nach der Grenze von einigen Polizisten aufgegriffen, die uns mit Schlagstöcken attackiert haben. Als mein Freund fragte, ob er auf die Toilette gehen darf, haben sie ihm in die Eier getreten. Einfach so. Wenig später wurden wir in den italienischen Alpen ausgesetzt.”

 

 

Ab diesem Punkt kommt wieder eine Portion Glück hinzu, denn zurück in Italien lernen Majid und sein Kollege einen Schmuggler kennen, der sie für 500€ nach Füssen fährt. Zum Vergleich: Sie bekamen auch das Angebot für 800 € in einem Bus mit 100 Personen nach Schweden zu fahren, das macht 80.000€ für eine Fahrt.

München. Eine neue Heimat?

Seine Ankunft in München beschreibt Majid mit zurückkehrender Heiterkeit, denn in seinen Erzählungen hat sich sein Blick immer weiter verfinstert. Er sagt, dass er sich hier wieder sicher fühlen kann und vor allem, dass das Bewusstsein, ein Mensch zu sein, langsam wieder zurückkehrt. Momentan lebt er im Asylantenheim in Freising, sehr komfortabel mit 6 Personen auf vier Zimmer verteilt. Damit hat er Glück gehabt, denn in der Stadt teilt sich diese Zahl an Personen ein einziges Zimmer. Nächste Woche gehen Christoph und ich mit Majid Fussball spielen, wahrscheinlich spielt er etwas besser als wir.

Von: Eric Schönemeier

Quellen:

http://www.tagesspiegel.de/politik/syrischefluechtlinge-zahl-der-schutzsuchenden-steigt-weiter-drastisch/8860380.html

Gespräch zwischen Eric und Majid