Syrien – Die USA bringen Krieg in ein Kriegsgebiet

Die erschütternden Bilder eines Giftgasangriffs auf syrische Zivilisten haben am Mittwoch, 21.8. die Karten im Poker um das Leben der syrischen Bevölkerung neu gemischt. Bis zu 1300 Tote sind bestätigt. Ein Massaker, dessen Urheber aber immernoch nicht klar ist. Der Westen ist überzeugt, dass das Assad-Regime den Angriff verübt hat. Das syrische Staatsfernsehen macht die Rebellen verantwortlich und wird in seiner Meinung lautstark von Iran und Russland unterstützt. Jetzt erwägen die USA ein militärisches Eingreifen und bringen damit den modernen Krieg in ein Land, in dem bereits mehr als 100.000 Menschen gestorben sind. Zum Einen hat das zögerliche Handeln der USA das Assad-Regime motiviert fleißig weiter zu morden. Zum Anderen wird ein solch verspätetes Eingreifen nur noch viel mehr Opfer fordern. Hier zeigt sich das komplette Versagen der selbsternannten Weltpolizei.

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In den letzten röchelnden Atemzügen tritt Kleinkindern der Schaum vor den Mund. In einem Land in dem man annehmen könnte, dass die Grausamkeit keine Steigerung mehr erfahren kann, eskaliert nach über einem Jahr des Bürgerkriegs die Situation noch einmal dramatisch. Und die Welt ist live dabei. Über 130 YouTube-Videos von zuckenden Giftgasopfern dokumentieren dieses grausame Verbrechen. Natürlich kann man sich mal wieder nicht sicher sein, ob die Videos echt sind und was davon vielleicht gestellt ist. Doch mittlerweile hat auch der britische Nachrichtensender erste bestätigte Bilder geliefert.

 

Die Suche nach den Verantwortlichen

Doch wer ist nun verantwortlich? Zwei Rebellenorganisationen beschuldigen das Assad-Regime. Das wiederum verteidigt sich mit dem Argument, dass zwei Tage zuvor UN-Beobachter der Syrien-Mission eingereist waren und ein solches Vorgehen relativ blöd wäre, angesichts unabhängiger Zeugen. Allerdings ist auch schon zuvor von Giftgasangriffen berichtet worden, die in kleinerer Dosis die Grenzen der amerikanischen Geduld ausloten sollten. Die Geduld der Obama Administration war lange Zeit stoisch, hat jetzt jedoch scheinbar seine Grenzen erreicht. Der Verteidigungsminister der USA, Charles Timothy „Chuck“ Hagel besuchte die militärischen Partner im Pazifik, um die Verlegung der amerikanischen Kriegsflotten vorzubereiten. Die lange schon totgesagte “Rote Linie” scheint nun doch überschritten.

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Was würde eine Militäroperation der USA bedeuten?

Zuerst sollte mal geklärt werden, auf welcher Seite die USA in diesen Konflikt eintritt und was die möglichen Angriffsziele wären. Klar ist, dass die Rebellen, die schon seit Langem mit Waffen unterstützt werden, sicherlich durch gezielte Angriffe der US-Luftwaffe unterstützt werden. Doch wen genau unterstützt man da eigentlich? Zum einen gibt es die Vertreter des SNC (Syrischer Nationalrat), die unter anderem die FSA (Freie Syrische Armee) vertritt, und das vor allem in Verhandlungen von dem UN-Sicherheitsrat. Daneben gibt es allerdings noch eine Vielzahl milizionärer Gruppen, die sich im Bürgerkrieg positionieren, wie zum Beispiel die al-Nusra-Front, die als radikal-islamische Kampftruppe ebenfalls für viele Verbrechen an der Zivilbevölkerung verantwortlich ist. Diese hat auch das Assad-Regime davor gewarnt, dass auch Rebellen an Giftgas gelangen und damit Angriffe verüben können. Außerdem hat sie nach dem Giftgasangriff von Mittwoche bereits Rache geschworen.

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Die Ziele, die die US-Luftwaffe angreifen würde, wären also ausschließlich militärische Einrichtungen der syrischen Armee, sowie Regierungsgebäude und Schaltzentralen der Kommunikation. Diese allerdings werden geschützt durch eine starke Luftabwehr, die von Russland geliefert wurde (“Giftgas und Waffenlieferungen: Syrien zwingt zum Handeln“). Gleichzeitig müssen sich Luftangriffe auch auf Gruppen wie die Hisbollah konzentrieren, die an der Seite von Assad kämpfen. Unterstützt wird diese Terrorgruppe unter anderem vom Iran, der jetzt schon den USA im Falle eines Eingreifens mit “ernsten Konsequenzen” gedroht hat.

Was macht der Rest der Welt?

Damit hätten wir auch schon die beiden wichtigsten Gegner eines solchen Eingreifens zusammen. Russland und Iran sind nicht nur traditionelle Verbündete von Assad, sondern beide auch davon überzeugt, dass ein Diktator in dieser Region für eine bessere Sicherheitslage sorgen kann, als eine islamistische Opposition, die sich erstens uneins ist und zweitens ein Demokratiebestreben vorgibt, um den Westen auf seine Seite zu ziehen. Das kann natürlich daran liegen, dass auch Russland und Iran weit weg von demokratischen Vorstellungen regiert werden, tut aber nichts zur Sache wenn es um Stabilität geht.

Wie siehts mit Europa aus? Ziemlich mager. Das einzige was zum Beispiel von der deutschen Seite zu hören war, war die Forderung nach umfassender Aufklärung durch die Untersuchungskommission der Vereinten Nationen. Die syrische Regierung hat freien Zugang bereits zugesagt. Während anderswo schon eifrig Kriegspläne geschmiedet werden, ist die Zurückhaltung in Europa größer denn je. Mehr als ein humanitärer Hilfseinsatz wird wohl auch auf Druck der USA und Israels nicht rausspringen.

Jetzt noch kurz zur Rolle Israels. “Der Finger ist am Abzug.” Mit diesen Worten wurde Benjamin Netanjahu zitiert. Im Falle eines Militärschlags würde Israel sofort an der Seite der USA mit in den Konflikt eingreifen. Das ist auch nur konsequent, wenn man sich überlegt, dass das nicht der erste Militärschlag auf syrischem Boden in diesem Jahr wäre. Schon im Mai diesen Jahres hat Israel Luftangriffe auf syrischem Territorium geflogen, um die Versorgung der Hisbollah zu kappen.

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Eine Bilanz

Was wäre das Ergebnis eines militärischen Eingreifens? Die syrische Armee zu zerschlagen und Assads Regierung zu beenden ist das Ziel. Wer aber soll dieses Machtvakuum füllen? Der SNC selbst gibt an, dass er 60% der syrischen Opposition vertritt. Erstens ist das ohne Zweifel eine Untertreibung und zweitens wird das auch nicht reichen, um eine verfassungsgebende Versammlung zu installieren. Der militärische Arm auf den sich der SNC stützt ist ausschließlich die FSA, bei der Kommandostrukturen ebensowenig klar sind wie der Wille tatsächlich demokratische Strukturen zu etablieren. Wer aber würde noch an Einfluss gewinnen? Auf der Seite der Gewinner stünde klar die al-Nusra Bewegung, die al-Quaida nahesteht. Und damit wäre die Situation, wie sie in Afghanistan 1979 während des sowietisch-afghanischen Krieges war, perfekt. Auch da haben die USA mit Geld und Waffen al-Quaida unterstützt, die sich 2001 für die Anschläge auf das World Trade Center bekannten.

Verrennt sich der Westen wieder in einen Krieg aus dem kein Auskommen ist? Ziehen sich die USA ihren zukünftigen Feind groß? Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach allen Bitten und Rufen nach einem Eingreifen der USA in den letzten eineinhalb Jahren, die USA noch als Befreier empfangen werden. Und wie wird der Rest der arabischen Welt reagieren, wenn wieder US-Soldaten Muslime töten (Kollateralschäden -- nicht zu verhindern). Zwar kommt den USA in Ägypten zugute, dass das von ihnen bezahlte Militär wieder an der Macht ist, aber auch in Syrien gibt es Muslimbrüder in der Opposition. Der Hass auf den Klassenfeind war in der arabischen Welt lange nicht mehr so groß. Und einem zerrüteten Land den modernen Krieg zu bringen, mit anschließender Besatzung etc. wird diesen Umstand wohl kaum verbessern.

 

Quellen:

Spiegel Nr. 35: “Giftgas -- vor den Augen der Welt: Massenmord in Syrien”

http://www.tagesschau.de/ausland/syrien2972.html

http://www.tagesschau.de/ausland/syrien2976.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-warnt-usa-vor-ueberschreiten-von-roter-linie-in-syrien-a-918465.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-aerzte-ohne-grenzen-bestaetigen-hunderte-tote-mit-giftgas-symptomen-a-918427.html

http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Aktuelle_Artikel/Syrien/130820-ChemiewaffeninspektionSYR.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/islamistische-nusra-front-drohen-mit-rache-an-alawiten-a-918472.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/usa-auf-militaerische-intervention-in-syrien-vorbereitet-a-918452.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Nusra-Front