Geiz ist geil – ein politisches Thema oder Wirtschaftswunder?

“Wow, woher hast du denn diesen schönen Rock? -- “H&M, €10,00, cool, gell?” -- “Yay, da muss ich auch mal schauen.”

Besonders die Damen unter uns kennen diese Unterhaltung und ich möchte im Vorfeld sagen, dass ich mit diesem Kommentar keine Moralapostelei veranstalten will. Dennoch liegt es mir am Herzen einige wenige Fakten zu beleuchten, um das erbarmungslose Konzept eines €10,00 H&M Rocks oder dergleichen zu verstehen. Seit dem Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch vor zwei Monaten ist dies nun wieder ein aktueller Diskurs. Nicht nur in Dhaka, der Textilmetropole in Bangladesch, sondern auch bei ansässigen Europäischen Firmen und schlussendlich auch in der deutschen Öffentlichkeit. Wären unsere Politiker gerade nicht so beschäftigt mit ihren Wahlkämpfen, würde ihnen auffallen, dass auch sie Kleidung tragen, die nicht befreit von Kinderarbeit, aggressiven Chemikalien und schlechten Arbeitsbedingungen sind. Wir tragen sie alle, und ja, ich lasse das Argument zu, dass uns ja nichts anderes übrig bleibt, weil auch wir knapp bei Kasse sind, aber es ist und bleibt ein Missstand, der würdig der Diskussion ist und bleibt. Also noch mal von vorne….

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Highstreet-Läden und Marken in unseren Straßen lassen in Fabriken, wie der kürzlich eingestürzten Fabrik in Dhaka, herstellen. Billig, billiger, am billigsten. Die Gier ist groß, somit machen die Fabrikbesitzer mit europäischen und nordamerikanischen Firmen nahezu unerreichbare Exportziele aus, die dann nur mit Akkordarbeit zu schaffen sind. Die Arbeiter haben Schichten, die nach deutschem Arbeitsrecht strafbar wären und Erholungsphasen sind kärglich. Man darf nicht unterschätzen, wie dankbar viele der Näherinnen und Näher in Textilmetropolen, wie Dhaka sind, so eine Position zu haben. Sie nehmen die schlechten Arbeitsbedingungen, die miserable Belüftung, mangelhaften Ruhephasen und den Druck der Floor-Manger in Kauf, weil sie natürlich auf ein besseres Leben hoffen, sobald sie genügend verdient haben. Für die meisten ist es eine Zwischenstation, um für die Familie zu sorgen oder eine Zukunft aufzubauen. Den Menschen ist bewusst, dass die Arbeitsbedingungen elend sind, in manchen Orten demonstrieren sie auch manchmal, doch auch dies ist ausweglos. Demonstrationen werden gewaltsam gebrochen, Leute die sich widersetzen werden fristlos entlassen oder körperlich misshandelt. Frauen und Kinder sind auch hier oftmals Leidtragende in diesem Textilsumpf. Es gibt Berichte von sexueller Belästigung und Arten von Folter, wenn die Arbeit nicht schnell genug erledigt wird. Je nachdem wie die Fabriken konstruiert sind, gibt es auch Wohnbereiche für die Arbeiter. Das bedeutet, nachdem man mal wieder Überstunden gemacht hat, der Strom wie jeden Abend ausgefallen ist und man sich nicht waschen kann, wo man doch den ganzen Tag mit schädlichen Chemikalien gearbeitet hat, muss man sich das Zimmer für die 5 Stunden Schlaf, die man bekommt noch mit 10 anderen Menschen teilen. Abgesehen von den untragbaren Arbeitsbedingungen sind die Materialien und Werkzeuge veraltet und schwer bedienbar.

Besonders die glamouröse Blue Jeans im used-look ist ein fatales Konzept: Eine ARD-Dokumentation von einem investigativen deutschen Journalisten, hat den Werdegang der Blue Jeans unter die Lupe genommen, in China wohlbemerkt, wo Pressefreiheit kleingeschrieben wird. Eine Jeans wird im Akkord genäht, dann gefärbt, dann mit aggressiver Chemikalie gebeizt und geschrubbt, sodass sie dann wieder benutzt aussieht und dann wird sie mehrmals gewaschen. Und warum? Damit wir nicht merken WIE viel Chemikalien darin sind. Eine riesige Waschmaschine braucht viel Power, und wohin mit den dreckigen Abflüssen? Ab in den nächsten Kanal. Und wie generiert man solche massiven Maschinen? Zurückführend auf die Bangladesch Katastrophe, dort waren die großen Generatoren ein Trigger für den Einsturz. Die schlecht erhaltenen Gebäude halten diese Power nicht aus, es gibt keine Abwasserregelungen, die Ressourcen werden angegriffen und belasten dann nicht nur die Umwelt sondern die Gesundheit der Arbeiter. Dann wird nichts aus dem Traum mit der Familie ein “schöneres” Leben führen zu können, denn sie werden krank, haben Lungenprobleme, weil es keinen Mundschutz gibt, oder einfach auch gar keine Aufklärung, dass man Mundschutz benötigt. Viele Arbeiter sind ahnungslos, ungebildet und unvorsichtig, weil sie nicht korrekt eingeführt werden.

Bereicherung und Wegschauen. Die Korruption und Gier vor Ort ist definitiv eines der Hauptprobleme. Die, die etwas Glück hatten sind weiter gekommen und werden Leiter einer Fabrik, machen die Deals mit dem “Westen”. Die Angebote sind lukrativ, die Arbeit muss fix gehen. Dabei geht viel in die eigene Tasche. Für die Arbeiter bleibt, wenn es gut läuft zwischen €20-40 im Monat. Davon können gerade mal Miete und Verpflegung bezahlt werden, und dafür wird täglich 12 Stunden im Akkord gearbeitet.

Wer ist denn nun verantwortlich? Ich finde es sehr schwierig! Der Hype um noch billigere Produkte, besonders in Deutschland, ist enorm. Zum Beispiel geben wir in Deutschland, europaweit am wenigsten Geld für Lebensmittel aus. Aber wir haben ja auch nicht so viel, ein Studentendasein ist hart, immer mehr müssen sich neben dem Studium selbst finanzieren. Wir sind dankbar, dass man Jeans für einen Zehner kaufen kann -- wie soll man das verurteilen? Fakt ist dennoch, dass sich die Wirtschaft nun mal nach Angebot und Nachfrage richtet. Desto mehr billige Jeans wir kaufen, desto mehr werden produziert, desto höher wird der Druck und desto mehr Geld wollen sowohl die Großkonzerne machen, als auch die größtenteils korrupten Fabrikbesitzer in Bangladesch, Pakistan, Indien und China. Der Teufelskreis „made in…“.

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Aber wer kann denn nun etwas ändern? Die Politiker werfen die Hände in die Luft und weisen auf die freie Marktwirtschaft hin. Die Europäische Union ist im Zweispalt zwischen problematischer Menschenrechtsmissachtung und wirtschaftlicher Abhängigkeit, sowie kaum Kooperation mit den produzierenden Ländern. Unser Bundestag wird sich schließlich nicht gegen die Tonnen von Billigware stellen, die jährlich bei uns eingeschifft wird. Oftmals hört man das Argument, dass sich die Regierung des exportierenden Landes doch um den Missstand kümmern solle. Klar, unsere Fabriken werden ja auch nicht überprüft, außer intern. Ein langsamer Prozess: Die Firmen wurden langsam aber sicher nach Asien verlegt, weil Arbeitskräfte günstig und schnell sind. Eine Jeans in Deutschland produzieren zu lassen, könnte sich keine der großen Firmen mehr leisten, auch sie sind in eine Abhängigkeit des billigen Marktes gerutscht. Das Geschäft wird in dem produzierenden Land gelassen, somit auch die Verantwortung, die Konditionen, die Chemikalien und auch die die Opfer. Wir wollen es alle nicht hören oder sehen, aber unser Konsum und teileweise auch Geiz lässt dieses ungerechte Geflecht weiter aufleben.

Leider gibt es nur wenige Firmen, die sich trotz der Schreckensnachrichten, für “faire” Arbeitsbedingungen und gegen Kinderarbeit engagieren. Anstatt hier nun öffentlich einige euer Lieblingslabels durch den Dreck zu ziehen, weise ich dezent auf folgenden link hin, der eine sinnvolle Übersicht zu der Unternehmenspolitik und tatsächlichem Engagement von über 300 Firmen aufweist: http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/kampagne/

Der Wunschgedanke eines Wohlstandsmädchens, mein Wunschgedanke: Warum nicht Rahmenbedingungen festlegen, die erfasst werden müssen, bevor es mit den Fabrikbesitzern zum Vertragsschluss kommt, gefolgt von regelmäßigen Kontrollen vor Ort, sowie klare Schichtenregelung. Hinzu kommt, dass es unser aller Verantwortung sein sollte, wo wir doch so viel vom Klimawandel und der Umwelt daherquatschen, die Gewässer in Asien nicht vergiftet zu lassen, welches eine Bedrohung für Mensch und Umwelt darstellt. Dennoch hadere ich Tag für Tag mit dem Gedanken, inwieweit dieser Textilsumpf nicht doch eine klare politische Angelegenheit ist, sowie all die anderen teils trivialen Wahlthemen, die uns momentan um die Ohren gepfeffert werden. Ist es denn nicht möglich in Zeiten der Globalisierung nicht nur an das Geld zu denken, sondern auch Verantwortung zu übernehmen statt nur zu konsumieren? Oder handelt es sich bei dem ganzen Outsourcing nach Indien und China etc.um so etwas wie einem genialen post-modernes Wirtschaftswunder? Billig produzieren lassen, Finger nicht schmutzig machen, konsequenzlos beliefert werden. Perfekt!

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Mein Plädoyer: Ich führe momentan eine eigene kleine Kampagne durch, indem ich die Highstreet tatsächlich vermeide, ich kaufe ausschließlich second-hand, tausche Klamotten mit Freudinnen oder besuche den Flohmarkt, ich habe wieder angefangen zu nähen und zu reparieren, ich lasse meine Stiefel neu besohlen und versuche öfter mal auf Sachen zu verzichten.

Ich vermisse den Hyper-H&M-alles-auf-einmal-kaufen-Wahnsinn manchmal und merke auch, dass man sich durch solche Maßnahmen ganz schön ausgrenzt, aber es macht auch Spaß nach Alternativen zu suchen und ausgefallene Sachen zu finden. Wie weit ich damit komme, weiß ich nicht. Wir leben in solch einem Überfluss, dass es auch so zu schaffen sein sollte. Ein bisschen verzichten hilft vielleicht doch. Angebot und Nachfrage eben.

Ist Geiz wirklich so geil? Müssen wir wieder lernen für Qualität zu zahlen? Welchen Marken kann man noch trauen? Ist es egal? Ändert es etwas?

Und am wichtigsten für mich, wie politisch ist dieses Thema tatsächlich?

 

Interessante Links zum Weiterlesen:

http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/chemie/20121121-Einkaufsratgeber-Textil-Standards-unter-der-Detox-Lupe.pdf

http://www.umweltinstitut.org/stadtgespraeche/download/m_stadtgespraeche62.pdf

Quellen:

Spiegel Nr. 27
http://www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/der-preis-der-blue-jeans?documentId=11398300
http://www.untergrund-blättle.ch/wirtschaft/bangladesh_die_naehstube_der_welt.html
http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/kampagne/
http://www.spiegel.de/wirtschaft/made-in-bangladesch-warum-die-jeans-von-lidl-und-co-so-billig-sind-a-592711.html