Sklaverei ist überall in den USA verboten - außer in der Gefängnisindustrie

Sklaverei ist überall in den USA verboten – außer in der Gefängnisindustrie

Man kann über Kanye West meinen was man will, aber eine Sache ist sicher: Der Junge lässt sich nicht den Mund verbieten. Sei es die Schikanierung minderjähriger Country-Sängerinnen vor einem Weltpublikum, die öffentliche Derrangierung George W. Bushs und dessen Ignoranz gegenüber der schwarzen Bevölkerung Amerikas oder seine Anklage gegen die Ausbeutung der Häftlinge in den USA durch die Gefängnisindustrie. Ja, der gute Yeezus stiftet nicht nur an, mit seiner freshen Clique den Club abzubrennen, sondern hat mit seinem neuen Song “New Slaves” auch auf die Schockierenden Umstände aufmerksam gemacht, die in den Gefängnissen der USA vorherrschen.

“I know that we the new slaves . . . .
Meanwhile the DEA, teamed up with the CCA
They tryina lock niggas up, they tryna make new slaves
See that’s the privately owned prison, get your piece today
They prolly all in the Hamptons, braggin ’bout what they made”

Was Kanye uns hier mitteilen möchte ist: Die USA sperren absichtlich vorwiegend schwarze Männer ein, um diese als “moderne Sklaven” auszubeuten, um ihr marodes Wirtschaftssystem zu retten. Was ist dran an dieser These? Im Gegensatz zu Deutschland, gibt es eine Vielzahl privat geführter Gefängnisse in den USA. Die oben erwähnte CCA ist dabei das größte Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über drei Milliarden Dollar. Mit 2.3 Millionen Inhaftierten landen die USA auf dem Siegertreppchen, was das Einsperren der eigenen Bevölkerung angeht. Fun Fact am Rande: Alleine in Kalifornien sitzen mehr Leute in Haft als in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zusammen. Wegen dieser Oktoberfest-artigen Anstürme von Häftlingen auf die Gefängnisse, gingen den USA die Kapazitäten an Unterbringungsmöglichkeiten aus. Die schnelle und einfache Lösung boten private Unternehmen, die sich bereit erklärten, neue Gefängnisse zu bauen und für die Versorgung dessen Insassen zu sorgen. Dafür erhalten sie Steuergelder, Subventionen und natürlich den wahren Goldesel obendrauf: unfreie Menschen. Die Rassismus-Dimension bei diesem Problem ist folgende: Über 70 Prozent der Insassen sind schwarz, wobei der Anteil der Afro-Amerikaner nur 16 Prozent der Gesamtbevölkerung der USA ausmacht. Bleiben die momentanen Trends bestehen, wird sich jeder dritte schwarze Mann in den USA früher oder später in seinem Leben hinter Gittern widerfinden.

Hintergründe: Warum sitzen so viele Leute in den USA im Knast und warum eigentlich immer die Schwarzen?

Die Ursache, für die in der Geschichte einzigartig hohe Inhaftierungsrate in den USA, liegt in der Gesetzgebung. Dabei kommen drei Faktoren ins Spiel:

1. “War on Crime”: Der in den 80er-Jahren ausgerufene “War On Crime” bezeichenet die Null-Toleranz-Politik der USA bezüglich jeglicher Straftaten. Selbst bei gewaltlosen und eher harmlosen Vergehen werden seither härtere und vorallem längere Strafen verhängt, Bewährungsstrafen oder Arreste werden kaum mehr gestattet.

2. “War on Drugs”: Im “War on Drugs” liegt die Hauptursache für die Häftlingsexplosion begraben. Drogenvergehen werden sehr hart bestraft. Das spielt auch eine Rolle dabei, warum besonders viele Schwarze, die meistens wegen Drogendelikten verurteilt werden, die Gefängnisse überschwemmen. Natürlich nehmen sie nicht mehr Drogen als weiße, gewisse Studien belegen sogar, dass durchschnittlich mehr Weiße Marihuana konsumieren als Afro-Amerikaner, jedoch werden die Armen-Viertel sorgfältiger untersucht als die weißen Viertel. Des Weiteren gibt es eine Diskrepanz zwischen dem Konsum der verschieden Drogen. Beispielsweise reichen fünf Gramm Crack aus, um eine zehnjährige Haftstrafe zu erhalten. Um für Kokain eine ähnliche Strafe zu erhalten, ist der Besitz von fünf Kilo notwendig. Unnötig zu sagen, wen dieses Gesetz verstärkt trifft.

3. “Three Strikes You’re Out”: Wird ein Straftäter bei der dritten Straftat erwischt, egal welcher Art diese sein sollte, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe, selbst wenn es nur um den Diebstahl von Kaugummi geht.

Der Teufelskreis ist klar: Bist du arm, ist die Wahrscheinlichkeit in den Knast zu kommen hoch. Warst du mal im Knast, wirst du ziemlich wahrscheinlich arm bleiben und die meisten Armen in den USA sind schwarz. Die Stigmatisierung, mit der ehemalige Häftlinge in den USA geplagt sind, ist extrem. Der Entzug des Wahlrechts und schlechte Jobchancen sind die Realität, mit der sich Ex-Häftlinge oft anfreunden müssen. Das Ziel der Rehabilitierung der Häftlinge ist nicht im Interesse der Gefängnisindustrie. Sie wollen das Cash.

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Der Käfig in den USA ist tatsächlich gold -- die Mechanismen der Gefängnisindustrie

Wie erwirtschaften also die CCA und andere Unternehmen ihre enormen Gewinne? Private Gefängnisse erfreuen sich in den USA extremer Beliebtheit. Sie versprechen Arbeitsplätze in die ländlichen Regionen zu bringen, wo man sonst nicht mal tot über’m Zaun hängen wollte, schaffen Arbeit für die Bau-, Technik- und Verpflegungsindustrie und werben mit geringeren Inhaftierungskosten. Diese Vorteile sehen in der Realität jedoch oft anders aus. Denn anders als die staatlichen, haben die privaten Gefängnisse einen Vorteil davon, in Sachen Verpflegung und Behandlung der Häftlinge zu sparen: Sie machen Profit damit. Pro Häftling erhalten die Einrichtungen etwa 90 Dollar am Tag. Von diesem Geld sollten Kost, Logis und Behandlungsprogramme finanziert werden. Während in staatlichen Gefängnissen diese Kosten kontrolliert werden müssen, können die Privaten sparen, wo es geht. Das zeigt sich in minderwertigen bis teilweise verdorbenen Lebensmitteln, schlechten hygienischen Verhältnissen und ungelerntem, oft überfordertem Personal. Und dann gibt’s ja auch noch die Häftlingsarbeit.

Arbeit als Strafe einzusetzen, hat in den USA eine lange Tradition, erinnert man sich an die sogenannten “Chain Gangs”, an den Füßen gekettete chain-gangHäftlinge, die den Schaden, den sie ihren Mitmenschen, ihrer Gemeinde oder ihrem Land in Form von Arbeit im Straßenbau oder der Müllentsorgung wiedergutmachen sollten. Arbeit zu Gunsten des Staates wird auch in den öffentlichen Gefängnisse angeboten, wie zum Beispiel die Herstellung von Büromaterials für das Militär. Jedoch erinnert die Form, in der die Häftlinge in privaten Gefängnissen arbeiten müssen, stark an das “Convict Leasing System”. Nach dem Verbot der Sklaverei wurde in den USA ein Gesetz erlassen, dass die Landstreicherei verbot. Kam ein Mann in eine andere Stadt ohne bereits eine Arbeitsstelle zu haben, konnte dieser inhaftiert werden. Da vorwiegend ehemalige Sklaven auf der Suche nach Arbeit das Land bereisten, waren es natürlich sie, die in den Zellen landeten und von dort aus an Plantagenbesitzer oder Großunternehmer als billige Arbeitskräfte “vermietet” wurden. Die Verhältnisse seit der Sklaverei hatten sich kaum geändert, manche sagen sogar sie wurden schlimmer, da die Unternehmer nun die “neuen Sklaven” noch schlechter behandeln konnten, da sie ja nicht mehr ihr Eigentum waren. Starb ein Sklave äh Häftling, holte man sich einfach gratis einen neuen.

“All my N****s are poor as fuck”

Heute bieten die privaten Gefängnisse Unternehmen wie Nike ihre Häftlingsarbeit als lukrative Alternative zu Billig-Lohn-Ländern wie Indonesien an ( True Story, in einer Rede eines Parlamentsabgeordneten von Oregon adressiert dieser direkt den Konzern). Die Löhne, die ein Arbeiter von dem Gefängnis ausbezahlt bekommt, variieren zwischen etwas unter einem Dollar und sogar lediglich 23 Cent die Stunde. Wie hoch der Anteil ist, den die Gefängnisse dabei selbst in die Tasche stecken und als Profit verzeichnen, ist leider unbekannt. Die Vorteile für die Industrie sind enorm. Die Entlohnung unterbietet teilweise dritte Welt Länder, Kosten für Sozial- und Versicherungsbeiträge entfallen. Dazu werden Kosten für den Transport gespart. Wegen des Fehlens der Gewerkschaft besteht keine Angst vor Streiks und das Recht auf Urlaub erledigt sich bei einem Häftling ja von selbst. Viele amerikansche Konzerne haben den Braten gerochen und produzieren in teilweise hektargroßen Fabriken ihre Produkte innerhalb der Gefängnismauern. Einige Namen, die angeblich auf Häftlingsarbeit zurückgreifen sind Victoria’s Secret, Motorola, Boing, oder die Kaufhauskette Nordstrom. Laut Angaben von Amnesty International befinden sich etwa 90.000 Häftlinge in mehr oder weniger aufgezwungener Arbeit, denn laut des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ist Zwangsarbeit als Strafmaßnahme erlaubt. Die wirkliche Ungerechtigkeit stellt hier die quasi nicht vorhandene Entlohnung der Häftlinge und gleichzeitige Bereicherung der Unternehmer dar. Von den lächerlichen Löhnen werden noch oftmals Gelder für Kost und Logis (wofür ja die Steuergelder und Subventionen gedacht sind), Gerichtskosten oder Opferentschädigung abgezogen. Nicht selten arbeitet sich ein Häftling im Gefängnis ab und verlässt es am Ende mit einem Berg an Schulden.

Wie anfangs bereits erwähnt, ist ein großes Problem, dass hauptsächlich Afro-Amerikaner und Latinos von diesen Zuständen betroffen sind und bei vielen den Verdacht weckt, wie bei unserem guten Teufel-aus-der-Büchs in Fragen der Ungerechtigkeit Kanye West, das amerikanische System knechte absichtlich diese Menschengruppen, um sie in politischer und sozialer Unmündigkeit zu halten und aus dem System auszuschließen.

Was die USA brauchen, sind keine privaten Gefängnisse, die sich in mehreren Punkten als unrentabel erweisen, sondern eine Gesetzesreform, um die Massen-Inhaftierung zu dämmen. Was ist eure Meinung? Um es mit Kanyes Worten zu sagen: “Ich werde euch ausreden lassen, aber mein Artikel ist eindeutig der Bessere!”

 

Quellen:

Interview mit Carl Takei, ACLU (American Civil Liberties Union)

Interview mit Sumit Bhattacharyya, Amnesty International

Bureau of Justice Statistics

http://www.fau-duesseldorf.org/archiv/staatskritik/anarchist-black-cross-abc/die-farbe-der-gefangenschaft-die-gefangnisindustrie-in-den-usa

http://www.aclu.org/prisoners-rights/banking-bondage-private-prisons-and-mass-incarceration