Tudo acaba em Samba – die aktuellen Aufstände der Mittelschicht Brasiliens.

“Alles endet im Samba” -- Ein zynisches Lebensmotto auf welchem sich die Mächtigen Brasiliens auszuruhen scheinen. Eine stagnierende Wirtschaft, die so schnell aufschwang, wie sie nun abstürzt? Dem eitlen Gastgeber der Fußball Weltmeisterschaft widerspricht eine Opposition, ein Aufstand und eine drohende Revolution der neuen Mittelschicht. Ungerechtigkeit, Straflosigkeit und Korruption, sowie der Vorwurf unterlassener Reformpolitik sind die Parolen auf den Straßen. Gute Miene zu bösem Spiel. Die Weltmeister wollen anerkannte Gastgeber sein, aber auf Kosten ihrer Bürger? Ein Zwiespalt, in einer Welt der Aufstände. Che Guevara würde sich im Grab umdrehen…

Sehnsucht nach Gerechtigkeit:

Die Frustration der Lateinamerikaner liegt hauptsächlich in der market-oriented Politik und den fragmentierten Modernisierungen, besonders seit 2008. Obschon sich der Staat sichtlich bemühte sein farbenfrohes Land auf Vordermann zu bringen, protestieren die Menschen diese Tage gegen Ungerechtigkeit und gewaltsame Mittel, besonders in den umliegenden Armenvierteln der Großstädte. Auf der einen Seite werden Millionen ausgegeben, um die Infrastrukturen zu verbessern, auf der anderen Seite sind Straßennetze veraltet und Häfen werden von korrupten Gewerkschaften eingenommen und die Fahrpreise von öffentlichen Verkehrsmitteln erhöht. Natürlich sind die Preise im Vergleich zur Münchner Skala gering, jedoch geht es hier auch um das Prinzip. Um pompöse Stadien zu bauen, wohlgemerkt gleich um die Ecke der verwahrlosten Slums Brasiliens, werden enorme Summen aufgebracht. Wo ist hier die Gerechtigkeit, das fordern die Demonstranten der Mittelschicht Brasiliens auf Rios Straßen ein. Sie wollen keinen Prunk, sondern eine Reform, auf die sie sich verlassen können.

Zieht der Staat durch exorbitante Steuererhöhungen den Bürgern das Geld aus der Tasche oder handelt es sich um Investitionen, die allen Schichten der Gesellschaft zu Gute kommen sollen? Die Menschen der aktuellen Aufstände fühlen sich betrogen: Stoppt die Korruption, verändert Brasilien! Ein glamouröser Gastgeber zu sein reicht dem Volk nicht mehr. Sie klagen, dass durch die großen Investitionen für die Weltmeisterschaft, die Lebenshaltungskosten in die Höhe getrieben und Steuern, beziehungsweise Sozialabgaben untragbar geworden sind.  Berichten zur Folge gaben es Zeiten, wo Tomaten so teuer waren, dass sie aus Argentinien eingeschmuggelt wurden. Finanzieller Druck, der auf der Mittel-, und Unterschicht lastet, sowie ein gesellschaftlicher Zwiespalt, was die gewaltsame Politik gegen die Drogenmafia angeht. Kaum einer durchblickt die Vorgänge oder Gesetzte. Um eine Firma gründen zu wollen muss in vielen Fällen Schmiergeld and Stadtbehörden gezahlt werden und dann kann es Monate dauern bis der Prozess vollzogen ist. Die ersehnte soziale Einigkeit und Demokratie, weg von Korruption und misstrauten Behörden, die durch den wundersamen Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre aufkam, hat sich entzaubert. Wut herrscht auf den Straßen: Ägypten, Chile und die Türkei sind Vorbilder.

Problemfall Drogenkartelle:

Der Vorzeige-Slum am Nordrand von Rio de Janeiro in Almaneo ist das Pilotprojekt der Regierung. Die Polizei hat sich vor 2008 nicht mal mehr in diese Viertel getraut, da gefürchtete Mafias und  Banden dort das Waffen-, und Drogenbusiness beherrschten. Die Regungslosigkeit des Staates und Militärs sowie der Polizei ermöglichte es den Gangs eine eigene Infrastruktur aufzubauen, sowohl innerhalb ihrer Favelas als auch an den anliegenden Ländern Argentinien, Kolumbien, Bolivien, Guyana, Paraguay, Peru, Surinam, Uruguay, und Venezuela. Dem Rauschgifthandel waren und sind bis heute wenige Grenzen gesetzt und das über Mittel, -und Südamerika hinaus. Der internationale Kokainmarkt wird, nach wie vor, hauptsächlich von diesem Teil der Erde angeführt. So wurde trotz dieser  offensichtlichen Untergrundmachenschaften weiter Samba getanzt, in der reizenden Stadt Rio de Janeiro. Dort wurde das Wirtschaftswunder gefeiert, die guten Exportzahlen, und eine nahezu gerechte Politik. Und dann kam der Zuspruch für die Fußball Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016: Das Südafrika déjà vu….

Rio räumt auf!

Die aktuellen Aufstände der Mittelschicht markieren die Schattenseiten, wenn ein Land auf der einen Seite wirtschaftlich blüht und auf der anderen Seite, den sozialen Organismus vernachlässigt. Hier profitieren die Mächtigen, die großen Firmen, aber auf Kosten des Mittelstands, die die das ehrliche Geld verdienen wollen, geschweige denn der Benachteiligten in den Favelas. Nun wurde im Slum in Almaneo eine Seilbahn gebaut, eigentlich für die Einwohner beziehungsweise wohl doch eher für Staatsbesuch. Ein Symbol der Verbindung einer alten und neuen Welt mit Blick in die Zukunft. Die Brücke des Fortschritts. Tatsächlich Inklusion oder doch nur Cleansing? Polizei mit schusssicheren Westen ist aufgestellt, das Militär überwacht das rote Kommando. Diese Gegend ist quasi besetzt. Man erhält den Eindruck, dass eine gewisse Kontrolle eingekehrt ist, im Vergleich zu dem, was wir aus dem Film „City of God“ kennen.

Dennoch trügt der Schein. Der Staat hat bisher nur zwei Drittel der gefährlichen Slums unter Kontrolle bringen können und bisher glänzen sie mit reiner Militärpräsenz, Sonderkompanien an den Grenzen und großen Razzias in und um das Land. Hier wurden besonders in der Anfangsphase ab 2008 gewaltsame Prozeduren vorgenommen. Seither sehen wir zwar, dass kontrolliert und beschlagnahmt wird, aber was folgt? Was sind denn eigentlich die Sanktionen für die Straftäter? Es gibt weder genügend Strafprozesse für die gewalttätigen Banden, oder gar die korrupten hochrangigen Mächtigen, die in den Geschäften ebenso verwickelt sind, die geschmierten Beamten und Zwischenmänner, noch Maßnahmen um ehemaligen Straftätern oder Angehörigen oder gar Familien der Favelas eine Perspektive zu geben. Arbeitslosigkeit, keine Bildung und ein ständiges Gefühl der Ausgrenzung sind Schmerz der Einwohner der tausend Favelas. Nach außen wird aufgeräumt und innen werden Missstände weiterhin übergangen. Man kann die Favelas und die sozialen Probleme dort nicht durch rein militärische Aktionen hemmen. Es muss auch geholfen werden. Doch wie einbrechen in Bezirke, die so wütend sind?

Die Antwort auf die aktuellen Aufstände in Rio. Das Reformpaket.

Volksabstimmung und Mitentscheidung zur Bekämpfung von Korruption sowie mehr Transparenz Pflicht der Ausgabenkontrolle von Präsidenten, Governeuren und Bügermeistern — Steuerreform für öffentlichen Nahverkehr statt nur die Autoproduktion  Einnahmen der Ölförderung soll ausschließlich in das Bildungssystem fließen  Ein neues Gesetz soll Korruption als “Schwerverbrechen” ahnden

Tudo acaba em Samba:

Wird die Regierung es schaffen eine definitive und gerechte Reform zu verabschieden?

Werden Sozialabgaben wieder tragbar sein für mittelständische Betriebe?

Wird es Perspektiven, besonders was Bildung angeht, in den Favelas geben?

Werden sie es schaffen bis zum Start der WM alle gemeinsam Samba zu tanzen?

Quellen:

Spiegel Nr. 26/2013 Seite 96

http://www.nuso.org/upload/articulos/d3-8_1.pdf

http://www.spiegel.de/sport/fussball/massendemonstrationen-in-brasilien-ohne-einfluss-auf-wm-plaene-a-907245.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/neue-proteste-in-brasilien-nach-zugestaendnissen-a-908095.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/brasilien-rousseff-will-sich-an-die-spitze-der-reformbewegung-setzen-a-907823.html

Ebenso interessant:

http://www.drogenmachtweltschmerz.de/2012/10/25/drogenproblem-in-brasilien-ist-entkriminalisierung-die-losung/