Die Türkei – Wie das Stolze Erbe Atatürks von Erdogan zerschlagen wird

Seit einem Monat herrscht der gewaltsame Protest in der Türkei. Eine Behauptung der Stadtbevölkerung, gegen einen patriarchischen Regierungsstil , womit kein Europäer wohl zunächst gerechnet hätte.  Für mich erschien es zu Beginn wie ein Stuttgart 21-Spektakel. Doch nach ein  paar Tagen, hatten die Bilder schon erschreckende Ähnlichkeiten zu den Massendemonstrationen der letzten Jahre im Arabischen Raum. Der Arabische Frühling in der Türkei? Naja. Das kann doch nicht sein, dachte ich mir.

Ist einem der polternde und aggressive Regierungsstil Erdogans seit ein paar Jahren zwar bekannt, sollte man doch nicht vergessen, dass dort eine gut funktionierende demokratische Nation stehen muss, die Türkei, mit der doch Jahr für Jahr über den EU Beitritt gesprochen wird. Und so war mir Anfangs nicht ganz klar, wieso dieser Aufruhr? Dieser Impuls in den Städten? Ich habe mit einer Türkin gesprochen und mich mit dieser  kulturell und historisch wirklich großen Nation befasst, wobei ich mich um des Lesers willen, mit einen Exkurs zur Entwicklung der Türkischen Republik kurz halten will, um mich auf die aktuelle Kriese zu konzentrieren.

Atatürk und der säkulare Staat Türkei

Während wir in unseren ersten Geschichtsstunden viel über die Antike, und die Wiege der Demokratie, den Staat Athen lernen, erfahren die türkischen Schüler alles über Atatürk. Mustafa Kemal Atatürk, Staatsgründer der Republik Türkei. Ein Politiker, der die innerere Struktur der Nation komplett umwälzte und etwas durchgesetzt hat, was wenige islamische Länder geschafft haben. Er hat Staat von Religion getrennt, eine Wirtschaftsstruktur nach westlichem Vorbild geschaffen, und ist in mittleren  Jahren an Leberzirrhose gestoben. Der Alkohol war ihm ein guter Freund.

Die Türkei hat sich zur Mitte des 20 Jahrhunderts mehr und mehr zu einem westlichen Partner entwickelt, sei das nunmehr amerikanischem, oder sowjetischem Einfluss geschuldet, trat die Nation der NATO bei.  Istanbul und die anderen Metropolen wuchsen bis auf  16 Millionen Einwohner. Muslime, Orthodoxe Christen und Juden leben sei Jahrzehnten dort friedlich beisammen. Ein Nation ist entstanden, und ein System, das einzigartig ist in der arabischen Welt, worauf der Türke sichtlich stolz ist. Und doch hat auch die junge Demokratie Fehler gemacht, ist die Geschichte des Landes  auch von dem Kurden-Konflikt geprägt, und diversen Militärputsches. Während die Städte im Westen wuchsen, hat die  Landbevölkerung im Osten darunter gelitten. Bis  Reccep Tayyip Erdogan kam.

Im Jahr 2002 erreichte die von Erdogan gegründete Partei AKP die absolute Mehrheit.

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Zitat Erdogans, wofür er 10 Monate in Haft musste.

Insbesondere der gläubigen Landbevölkerung hat er seinen Wahlsieg zu verdanken. Er hat Ihnen das gegeben, was der Staat über Jahrzehnte vergaß. Aufmerksamkeit. Straßen, Schulen, Arbeit und wirtschaftlichen Aufstieg. Seit 10 Jahren ein stetiges Wachstum.  Auch können sich die gläubigen Muslime besser mit ihm identifizieren, dem strenggläubigen Patriarchen, der sich auch mit der EU anlegt und der die Einführung des neuen Alkoholgesetzes (kein Alkohol an öffentlichen Orten ab  22 Uhr) wie folgt kommentierte:  „Das alte Alkoholgesetz wurde von zwei Säufern durchgesetzt, sollen wir da nicht lieber das Gesetz Gottes vorziehen.“

Mit weiteren Gesetzesinitiativen, wie das Verbot der Abtreibung, oder die Aushöhlung der Säkularisierung, durch die Wiedereinführung von islamischen Schulen, hat es Erdogan geschafft, einen immer größeren Keil in die Gesellschaft zu treiben. Der Teil der Bevölkerung, der durch seine Versprechungen und sein Handeln, wirtschaftliche  Sicherheit und religiösen Halt erlangte, gegen den, der sich mehr und mehr in seinen Grundrechten beschnittenen fühlt. Und Erdogan bleibt seinem  patriarchischen Stil treu! Fühlt er sich durch die politische Mehrheit im Rücken bestärkt, greift er die Demonstranten, mit der vollen Kraft des Staates an, und reißt mit dem Keil eine tiefe offene Wunde in die Gesellschaft.

Die traurige Bilanz: Aus einer friedlichen und überschaubaren Demonstration ist es zu einer Implosion gekommen, mit mehr als 4000 Verletzten  und ca. 5 Toten, und einen tiefen gesellschaftlichen Graben, den zu überwinden, ich aktuell keine Antwort habe. ” Ich habe Erdogan nicht gewählt, aber trotzdem muss er doch auch mich schützen. Er ist Präsident aller Türken” sagte eine Demonstrantin, mit Tränen in den Augen. Und auf die Frage, wie Sie die Zukunft der Türkei sieht, antworte mir die Bekannte mit der ich sprach: ” Düster, es wird zu keinen  Veränderungen kommen, Erdogans Machtposition ist zu stark, wird er sich nicht bewegen, wird über das große Erbe Atatürks, dem Vater aller Türken, nur noch in den Geschichtsbüchern zu lesen sein.

 

Lesenswert: Spiegel Nr. 26

Istanbul Rising -- Vice Doku: http://www.youtube.com/watch?v=d0Uwh971f6w

Mit offenen Karten -- Die Türkei -- Rückkehr in den Orient: http://www.youtube.com/watch?v=pNcE1CCH6ck

Zur Rolle der Türkei im Nahen Osten: http://actuallynot.de/2013/04/10/die-neue-rolle-der-turkei-im-nahen-osten/