Interview: Am Tahrir keimt Extremismus

Interview: Am Tahrir keimt Extremismus

Wie macht sich eigentlich die neue Demokratie in Ägypten? Wie sieht es mit den Lebensumständen der Leute aus? Welches Gesicht trägt der immernoch anhaltende Protest auf dem Tahrirplatz? Ich habe ein Gespräch geführt mit einem Auslandsdeutschen, der seit einem Jahr in Kairo lebt und arbeitet. Sebastian T. arbeitet für die deutsche Botschaft.

Foto: Goran Alic

Foto: Goran Alic

“Why do you think people from Europe always come to your country to see the desert?” “I don´t know, maybe to see another desert?”

Wo sind die Intellektuellen im Land? Gibt es ein Bildungsbürgertum und sind es tatsächlich die jetzigen Protestler auf dem Tahrirplatz, die ein solches repräsentieren? Dass auf dem Land  große Bildungsarmut herrscht ist durchaus bekannt, aber eigentlich sind doch die Städte eines Landes immer die Zentren von Bildung und aufklärerischen Denkströmungen. Die Jugendlichen, die sich zur Zeit auf dem Tahrirplatz versammeln und diesen auch besetzt halten, gehören zwar zum liberalen Spektrum außerparlamentarischer Opposition, sind aber eigentlich auch nur arbeitslos und zum großen Teil ungebildet. Vor allem, sind sie jung und perspektivlos. Für sie bedeutet eine islamistische Regierung nichts Gutes.

Die koptischen Christen im Kreuzfeuer

Immer wieder erfährt man auch in den westlichen Medien von Ausschreitungen am Rande der koptischen Viertel in Kairo und anderen ägyptischen Städten. Ich frage Sebi woran man Kopten  denn eigentlich erkennt, weil mir in meiner westlichen Weltsicht der Sinn für eine nach außen getragene religiöse Einstellung abhanden gekommen ist. Die Kopten in Ägypten tragen andere Namen als die Muslime. Sie heißen Michael, Boutros und Albert. Muslime dagegen tragen sehr häufig den Namen Mohammed oder zumindestens diesen als Zweitnamen. Außerdem haben viele koptische Christen ein Kreuz auf dem Handgelenk tätowiert. Sebi meint zwar, dass man nicht von einer generellen Verfolgung der koptischen Christen im Land sprechen könne. Es gibt auch in seinem Bekanntenkreis koptische Christen und diese können ganz normal arbeiten. Allerdings kommt es zu gewaltsamen Übergriffen auf Christen und zu Konflikten die auch mal in einem Schusswechsel enden können. Die Eskalation geschieht vor allem dadurch, dass alle Konfliktpartei stets für sich lügen und niemals ein Täter verraten wird.

Die familiäre Bindung

Die zentralen Dreh- und Angelpunkte, im Leben der Menschen in Kairo, sind Familie und Religion. “Dort ist Glauben alles.” Da es keinen funktionierenden Sozialstaat gibt, muss der soziale Abstieg in der Familie verhindert werden. Die Obdachlosigkeit ist in Kairo nicht stärker zu merken als in manchen westlichen Ländern, weil die Familie als Netz mit finanziellem Rückhalt dient. Das Elternhaus darf nur verlassen werden, wenn eine neue Familie gegründet wird, also das Kind heiratet. Wenn also ein Kind nicht heiratet bleibt es im Elternhaus. Wenn das Kind allerdings rebelliert und mit den Eltern bricht, kann es auf keine Unterstützung der Eltern mehr zählen und verliert somit auch jeglichen sozialen Sicherungsrahmen. “Dann scheiden sich die Wege.”

Gerade diese Fokussierung auf religiöse Regeln, von denen es im Koran sehr viele gibt, muss man beachten wenn man sich dort aufhält. Klar gibt es auch in Ägypten Leute die feiern, Alkohol trinken und Drogen nehmen und trotzdem versucht sich der Großteil der Menschen an die religiösen Regeln zu halten auch wenn dabei klar ist, dass es nicht möglich ist alle Regeln einzuhalten.

Foto: Sebastian T.

Foto: Sebastian T.

Feindbild Amerika und Israel

Obwohl zwischen Israel und Ägypten seit 1979 ein Friedensvertrag besteht, der von den USA vermittelt wurde, und die Vereinigten Staaten große finanzielle Ausgleichszahlungen an die ägyptische Regierung leisten, gibt es eine starke antiamerikanische und antisemitische Stimmung im Land. Diese tritt vor allem immer dann offen auf, wenn in einem westlichen Land der Islam oder die Kultur islamischer Länder verhöhnt wird. Besonders extrem waren die Ausschreitungen nach einem Video, das ein amerikanischer sogenannter Künstler über das Leben von Mohammed gedreht hat. Dieser schauspielerische Rotz, der auch noch mit peinlich schlechter Bühnen- und Tontechnik umgesetzt wurde, sorgte für Aufruhr in vielen arabischen Großstädten. Im Zuge der Proteste wurde der amerikanische Botschafter in Bengasi getötet und auch in Kairo gab es Angriffe auf die Botschaft der USA. Sebi war vor Ort und hat einige Fotos geschossen, die man bei uns nur aus dem Fernsehen kennt.

Foto: Sebastian T.

Foto: Sebastian T.

Neunzehnjährige arbeitslose Muslime führen einen Straßenkampf mit gleichaltrigen Polizisten und das Aufgrund eines Konflikts der durch einen US-Bürger erzeugt wurde. Natürlich muss die Polizeigewalt in Ägypten die Botschaft schützen, aber dennoch wird an diesen Vorfällen deutlich wie sehr dieses Land seit der Revolution von Gewalt geprägt wird, die immer wieder ausbricht und Ägypter gegen Ägypter bis zum Tod kämpfen lässt. Sowas Dummes….

“Muslime gegen Muslime, warum?” “Den ganzen Tag läuft das so.”

Und gerade bei diesen Protesten tauchen sie auf: Religiöse Hassprediger, die die Jugendlichen noch ermutigen ihren Kampf weiterzuführen auch wenn dieser ihren sicheren Tod bedeuten mag. Die Propagandamaschinerie läuft und sie findet Anklang, vor allem bei denen deren religiöse Ehre immer wieder durch den Westen beschmutzt wird.”Du kannst dort alles, es gibt da keine funktionierende Polizei, wer soll´n dir was machen? Da keimt Extremismus natürlich.”

Ein gewaltsames Land und schwer zu kontrollieren

Das ägyptische Volk kommt seit der Revolution nicht mehr zur Ruhe. Auf dem Tahrirplatz findet sich kein Polizist und auch der Sinai gilt als entmilitarisiertes Gebiet, das von Beduinen beherrscht wird. Sicherheit ist ein Geschäft zu Gunsten derer die dafür zahlen können. Die Oberhand im Land liegt aber generell weiterhin beim Militär, welches immer noch Zahlungen von den USA erhält um Stabilität garantieren zu können. Das macht die neue islamistische Regierung Mursi obsolet und zu einer Marionette, deren Handlungsspielraum sehr gering ist. Sollte er versuchen die Macht des Militärs zu beschränken, wird er abgesetzt.

Zu allem Überfluss befindet sich die Wirtschaft auf Talfahrt und die Devisenreserven des Landes gehen zur neige. Der internationale Währungsfond bietet Hilfe an, aber nur unter der Bedingung, dass unter anderen die Subventionen für Nahrungsmittel gestrichen werden. Und das in einem Land in dem schon Grundnahrungsmittel wie Brot so teuer sind, dass viele den Großteil ihres Verdienstes dafür ausgeben müssen. Meiner Meinung nach ist der westliche Einfluss auf dieses Land ohne Ausnahme negativ und auch viele Tote bei Protesten gehen zurück auf diese Macht, die der Westen strukturell auch auf die gesamte Region hat.