Brasilien: “Grüne” Energie

Brasilien ist Südamerikas größtes Land und das einzige, in dem Portugiesisch und nicht Spanisch die Amtssprache ist. Dennoch ist die wirtschaftliche und auch militärische Führungsrolle innerhalb des Kontinents unangefochten und kann schonmal genutzt werden um zum Beispiel den Streit zwischen Kolumbien und Venezuela bezüglich der FARC-Guerrilla zu schlichten. Bemerkenswert ist jedoch der wirtschaftliche Aufstieg, den das Land in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren vollzogen hat. Die wichtigsten Indikatoren und Gründe für den rasanten wirtschaftlichen Zuwachs sind Eckdaten, wie zum Beispiel die sehr große und sehr junge Bevölkerung. Dahinter steckt eine ungeheure Arbeitskraft, die ein Staat auch nutzen muss. Das hat vor allem einer erkannt, Luiz Inácio Lula da Silva, ein Sozialist, der 2003 zum Präsidenten Brasiliens gewählt wurde. Die Wahl wurde natürlich getragen von einer Welle des Aufbegehrens gegen die sozialen Missstände im Land, die Kluft zwischen arm und reich und das daraus folgende Elend der städtischen Bevölkerung (80 % der Gesamtbevölkerung lebt in Städten).

http://riotimesonline.com/brazil-news/opinion-editorial/editorial/dam-energy/#

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Nun hat ein Land mit wachsender Bevölkerung und steigenden Wirtschaftszahlen natürlich einen deutlich erhöhten Energiebedarf der gedeckt werden muss. So sind schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Pläne entstanden einen Staudamm zu bauen, und damit verbunden das drittgrößte Kraftwerk der Welt. Das Projekt nennt sich Belo Monte und der Fluss der gestaut werden soll ist der Rio Xingu. Allerdings ist der Bau ein radikaler Eingriff in ein vom Regenwald dominiertes Ökosystem mit indigener Bevölkerung, deren Umsiedelung sich die Regierung derzeit mit Kompensationszahlungen erkauft. Als Sammelbecken für vertriebene Ureinwohner dient die Stadt Altamira, wo diese mit dem geschenkten Geld Waren kaufen, die sie vorher nicht brauchten.

Viele sehen jedoch den Bau des Staudamms auch als Chance, dem vorgefertigten Lebensweg, nämlich wie die Vorfahren vom Fischfang zu leben, zu entkommen und die Möglichkeit weiterführender Bildung wahrzunehmen. Dass sie aber erstmal am Rand der Gesellschaft angespült werden und die Chancen auf Bildung und Wohlstand eher gering sind, ist vielen wahrscheinlich nicht klar. Das Land hat eines der größten Einkommensgefälle der Welt und so eine strukturelle Ungleichheit lässt sich vor allem in einem teilweise korrupten System nichtmal lösen wenn ein Sozialist an der Macht ist.

lula-da-silva1Die sozialen Reformen, die Präsident Lula zwischen 2003 und 2011 auf den Weg gebracht hat (Fome Zero) gingen in den Augen der Armen nur schleppend voran, aber es muss einem bewusst werden, dass ein sozialer Wandel nicht so schnell vollzogen werden kann. Was Lula vor allem vorgeworfen wird, ist ein rücksichtsloser Raubbau an der Natur. Vor allem Greenpeace äußerste sich negativ zu Lula und die Auswirkungen seiner Politik auf den Regenwald. Dabei muss man beachten, dass auch der massive Ausbau der Biokraftstoffproduktion in Brasilien in die Zeit der Regierung Lulas fällt. Dabei sind die Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion und damit den Hunger in der Welt und vor allem auch in Brasilien erst im Nachhinein bekannt geworden. Es steht nun zur Debatte, ob auch das ergeizige Staudammprojekt mit seinem massiven Eingriff in ein empfindliches Ökosystem im Nachhinein zu einem Debakel werden könnte oder ob es einer strukturschwachen Region Auftrieb gibt und sich der versprochenen Wohlstand wirklich einstellt.

Der Nutzen von Großbauprojekten zur Energiegewinnung für die wirtschaftliche Entwicklung einer potenziellen Weltmacht steht für mich außer Frage, vor allem wenn es sich dabei um eine Form der Energiegewinnung ohne Ressourcenverschwendung handelt. Allerdings muss der Aufstieg Brasiliens in der Welt einhergehen mit einem sozialen Aufstieg im eigenen Land. Die Austrocknung weiter Teile hinter dem Staudamm in einer Schleife des Xingu wird aber dafür sorgen, dass sich dort die indigene Bevölkerung nicht mehr nach ihrer Tradition ernähren kann. Was bezüglich der Frage der Ureinwohner eindeutig falsch läuft sind die Überredungstaktiken der Regierung, die sie entweder mit Geld lockt oder sie einfach belügt und Kongressanhörungen als Aufklärungsprojekte tarnt um so ein “Ja” der Indianer zu erreichen.

 

Bezug: Spiegel Nr. 5/28.1.2013: Brasilien, “Der Rest vom Paradies”

Infos:

http://de.wikipedia.org/wiki/Luiz_In%C3%A1cio_Lula_da_Silva#Pr.C3.A4sidentschaft

http://de.wikipedia.org/wiki/Fome_Zero

http://www.greenpeace.org/international/en/news/features/amazon-bail-out-140309/?accept=b3e40b1c5221a4ee2f74b9fea8da3ab4